Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 
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Auf der Suche nach einem Mittel der Wahrnehmung...

 Gedankenstrich 101

Leben und Lebenlassen, wo immer es nur möglich ist.

Natürlich entkomme auch ich nicht den Paradoxien. Aber diese sind, weil sie eben "Dogmen" sind, "Lehren" rationaler, begrifflicher, sprachlicher Art. "Paradoxie" und "Dogma" sind zwei Seiten einer Medaille, und nehmen wir das Bild einmal wörtlich: Münzen symbolisieren Wert und sind nur in ihrem Symbolgehalt wertvoll, während ihr Materialgehalt zwar auch einen Wert hat, aber längst hinter ihrer symbolischen Bedeutung verschwindet. Wir sollten uns nicht allzu sehr mit der chemischen Analyse des Metalls der Münze oder mit den darauf abgebildeten Zeichen, Bildern und Zahlen aufhalten, sondern uns dem wirklichen Leben zuwenden. Dort erst erweist sich der wahre Wert der Münze. Wofür steht sie und wogegen lässt sie sich eintauschen?

Und wenn man den Materialwert der Münze prüft, indem man in sie hineinbeißt, muss man schon darauf achten, sich nicht die Zähne auszubeißen. Die Münze ist es nicht wert. Schauen wir uns nur die Einschränkung an: «wo immer es nur möglich ist», sollen wir leben und leben lassen. Wenn wir allzu sehr auf diesen Satz starren, werden wir die Bedeutung der Münze aus den Augen verlieren. Und nichts wird sich an unserem Leben und an der bisherigen Praxis des Lebens, der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft ändern. Aber wir werden immer weiter diskutiert haben, als habe es nicht der jahrtausende alten Philosophiegeschichte nicht schon genug Debatten, Diskussionen und Standpunkte gegeben. Aber wo stehen wir heute? Ein namhafter und bedeutender Kulturmensch hat dies einmal so auf den Punkt gebracht:
«Wir rieben uns auf im engen Horizont der Arbeit, die ein Unternehmen stärker, erfolgreicher, effektiver machen sollte, aber nicht Lebensfragen beantworten sollte. Kaum blickten wir in die Vergangenheit, sahen wir nichts als Fortschritt. Kaum blickten wir in die Zukunft, nichts als Niedergang.»
(Roger Willemsen
Wer wir waren. Aus seinem letzten Buch)
Dieses Zitat ist ein Brennpunkt vieler Gedankenstriche. Ich kombiniere es mit Thomas Metzingers "Bewusstseinskultur". Wir sollten uns nicht weiter rationalistisch an logischen Strukturen lebensunfähig und ohnmächtig Gedanken phrasierend aufreiben. Ich schreibe, aber ich schreibe nicht nur! Sie lesen, aber Sie lesen nicht nur! Was machen wir jenseits des Lesens und Schreibens oder während dessen? In welchem Kontext befinden wir uns? Und genau dort muss gelten: Leben und leben lassen! Die Einschränkung ("wo immer es möglich ist") ist eine lebendige Tatsache, eine Lebensnotwendigkeit, die sich einstellt und wir uns fragen müssen, hätten wir nicht auch da leben lassen können? Diese Einschränkung ist keine logische Hintertür, um aus der Maxime auszusteigen, sondern eine tägliche, ja immer währende Herausforderung: Macht leben und leben lassen möglich! Im Leben abspielen kann sie sich nur, indem wir die Haltung wahren und unsere Bewusstseinskultur praktizieren: Leben und leben lassen! Fast versteckt ist die Frage aber: Wie leben wir? Wie realisieren wir unser Leben? Und "realisieren" ist hier doppeldeutig: 1. wie richten wir uns ein in der Wirklichkeit, die auf uns wirkt und auf die wir wirken; 2. wie machen wir uns unsere Lebenswirklichkeit bewusst, wie sehr setzen wir uns damit gedanklich auseinander? Und auch da berühren wir den Gedanken, den Thomas Metzinger äußert: wie aufrichtig und redlich sind wir zu uns selbst? Wie sehr ist unsere eigene intellektuelle Redlichkeit ausgeprägt? Die Querverbindung zu Nietzsches Themenstellung der Lebenslügen liegt deutlich auf der Hand. Wo machen wir uns etwas vor, um einfach bequem zu existieren?


 Gedankenstrich 102

Unberechenbar, unberechnet, unbekannt
Differenzierungen


 Gedankenstrich 103

Zu Julien Offray de La Mettrie Mal wieder wird Philosophiegeschichte erzählt. Die Bandbreite ist gering, die Wiederholungen sehr viel, das Schema der Geschichte bekannt, neue Aspekte und ein neuer Blickwinkel tun sich nicht auf. Wir können bei den Vorsokratikern beginnen und in der Postmoderne aufhören, natürlich das frühe 20. Jahrhundert in seiner ersten Hälfte mit Heidegger, Existenzialontologie, "Sein und Zeit", Jean-Paul Sartre, "Das Sein und das Nichts" und Hans-Georg Gadamer mit "Wahrheit und Methode" (1962) erwähnen, erzählen, vertiefen, wir dürfen nicht Edmund Husserl und die Phänomenologie vergessen, auf gar keinen Fall seine Crisis-Schrift aus den 30er Jahren unebrücksichtigt lassen und so verlieren wir uns im Nachvollzug der Narration einer Geschichte, die in unserem Verlust sich verabsolutiert. Wir sind nicht an diesen wichtigen Denkern geschult und ausgebildet (ausgebildet auch in dem Sinne, dass wir uns entfaltet haben zu einem eigenen starken Ego Cogito), sondern wir sind zu Sklaven des Nachvollzugs und des nachvollziehenden Deutens, Analysierens, Kennens, Wissens und Verstehens geworden, so in Ketten gelegt, dass wir in der Höhle der Philosophiegeschichte sitzen und die Wand anstarren, auf der die Schatten der wichtigen philosophischen Gedanken vorbeiziehen. Und wir sind Experten des Interpretierens und Ausdifferenzierens. So wird Philosophie zu Blabla und der Mensch zu Maschine! Die Bedeutungslosigkeit der Philosophie liegt nicht in den wichtigen Köpfen, ihren Schriften und Gedankengängen, sondern im leblosen Umgang mit ihnen durch die Gegenwärtigen, die alles andere ihnen erweisen als die Ehre der aufgeklärten Selbständigkeit, die lebendig weiterträgt, fortführt und umsetzt, was gedacht, geschrieben, erzählt und versucht wurde. Für lebendig wird gehalten, dass man in Bibliotheken sitzt, liest, exzerpiert, Notizen verfasst, Paraphrasierungen entwirft und sich hier und da an eine eigene Kritik an punktgenauen Details wagt. Gedankenerbsenzählerei statt Nahrungsaufnahme. Und die Philosophiegeschichte bietet so viel Stoff, dazu, dass man unweigerlich darunter erschlagen wird oder erstickt. Selbst so hirntot geworden, einfach gestorben, kann man die Lebendigkeit eines Goethe, Schelling, Novalis, Hölderlin oder Hegel, Schopenhauer, Nietzsche oder Gadamer, Heidegger oder Hannah Arendt, um endlich auch eine Frau von größter Bedeutung zu nennen, nicht mehr erkennen. Der Marsch in den Atomkrieg imperialen Wahnsinns ist weder erkennbar noch geschweige denn zu stoppen. Das Ende der Aufklärung ist der Lichtblitz der Atombombe und nicht der Geistesblitz des tätigen und wirksamen Geistes. Ich verfalle hier liebend gerne in die romantisierende Sprache des deutschen Idealismus. Der Geist ist aus den Geisteswissenschaften, der Geist ist aus der Philosophie vertrieben: der Mensch eine Maschine.

Dabei muss der Widerspruch eigentlich so offensichtlich jedem auffallen: Maschinen sind komplexere Weiterentwicklungen von Werkzeugen; waren zwei Steine Werkzeuge, zwischen denen Korn gemahlen wurde, ist die Mühle die Weiterentwicklung dieses Werkzeugs zur Maschine. Damit verbunden ist die Frage des Antriebs einer Maschine, z.B. mit Windkraft, Wasser oder Tiere, die unter einem Joch eingespannt werden. Von hier aus entwickelt sich die Linie weiter zur Automatisierung und Verselbständigung der Maschinen, erst im Antrieb, dann aber auch immer mehr in ihrer Steuerung. An sich ist das banal und muss doch erwähnt werden, weil unsere Kultur uns Scheuklappen aufsetzt, um Phänomene und Entwicklungen auszublenden und zum Verschwinden zu bringen. Dadurch entsteht die Verblendung dafür, dass Menschen unmöglich Maschinen sein können, weil Maschinen Menschen geschaffen sind, der Mensch aber sich organisch fortpflanzt. Diese Differenz schließt man oft durch Kurzschlüsse mit Mythen aus der Wissenschaft, wie z.B. mit Frankensteins Monster.


 Gedankenstrich 104

Wie wichtig ist es, von seinen Mitmenschen immer oder meistens gut verstanden zu werden? Kann man dies überhaupt, wenn jeder einen anderen Horizont und eine andere Wahrnehmung hat? Wie kann man da besser drauf achten? Oder muss man das gar nicht, weil diese Menschen dann eben nicht zu einem passen?

28. November 2023

Im Grunde könnten wir davon ausgehen, dass es einen Seelengrund gibt, eine psychische Basis des Lebens. Diese Basis würde zumindest alles tierische Leben umfassen, obwohl wir darüber hinaus auch erleben können, wie Naturformen von Bäumen, Pflanzen, Gerüche, Farben uns beeinflussen. Da wäre ein möglicher Ausgangspunkt für Verständnis für alles, was uns umgibt. Uns umgibt aber auch Bedrohliches: Kälte, Regen, Wind und Wetter und so manch eine andere Gefahr, wie abbrechende Äste, rutschige Böden, oder Menschen. In meinem Erfahrungsraum in unseren Breitengraden spielen gefährliche Tiere die geringste Rolle, ich vermute, das könnten am ehesten Ratten sein, aber diese weichen einem auch lieber aus, als dass sie die Konfrontation suchen. Zu alldem haben wir aber kein adäquates Verhältnis. Wir sind zivilisatorisch abgeschottet und total urbanisiert. Unsere Umwelt ist betoniert, asphaltiert, mechanisiert, durchsignalisiert mit Ampeln, Verkehrsschildern, Regeln, Normen, kurz: mit allem, was Unsicherheit und Gefahr ausschließen soll. Als ob diese Käseglocke, diese sterile Blase nicht reichen würde, haben wir auch noch die Kommunikation mit all ihren Normen und Regeln, Etiketten, Netiketten und künstlichen Signalen. Paul Watzlawicks These, dass man nicht nicht kommunizieren könne, liegt da schon fast abseits. Sie ist für sich genommen wahr, aber bis dahin gibt es noch so viel Zwischengeschaltetes, was uns diese These womöglich übersehen lässt. Wie kommen wir an die Wirklichkeit, an die vielen unsichtbaren Spinnfäden, deren Marionetten wir sind? Wo trifft Gefühl auf lebendiges Gegengefühl? Das wäre so enorm wichtig, wenn wir nicht im Mahlwerk von Regeln, Zeichen und Signalen zu Staub zerfallen sollen. Authentizität könnte vitalisieren, sie erschreckt aber auch, weil sie vom jenseits unserer Käseglocke verzerrt zu uns herüberscheint. Nur zwischen Hunden und mir existiert diese Käseglocke nicht. Wir sind unmittelbar und manche Menschen sehnen sich danach.


 Gedankenstrich 105

Ich möchte auf die Frage, wie wichtig es sei, von seinen Mitmenschen verstanden zu werden, etwas detaillierter eingehen: «Kann man dies überhaupt, wenn jeder einen anderen Horizont und eine andere Wahrnehmung hat?»

28. November 2023

Ich beginne mit dem Nebensächlichen: ich glaube nun erkannt zu haben, mit wem ich es zu tun habe. Nein, ich bin nicht nachtragend und es ist überhaupt keine Belastung, was mal gewesen sein mag. Ich kann mich nur in etwa daran erinnern, dass in den Fragerunden und Dialogen mit Philomena Du mir etwas störend vorkamst, wenn du es denn jetzt mit den Fragen bist. Also jemandAnders als IrgendJemand ;) Ja, wir könnten ein Fragen-Antwort-Trio werden; aber so funktioniert es doch auch ganz gut.

Alle Seelen sind prinzipell auf der Grundlage ihres einen lebendigen Grundes sehr wohl in der Lage, sich grundsätzlich zu verstehen. Ja, jeder hat einen anderen Horizont und jeder hat seine eigene Wahrnehmung - unbestritten, das bedeutet aber keineswegs und schon gar nicht logisch zwingend ableitbar, dass niemand den anderen verstehen kann! Das ist ein Grundirrtum des bürgerlichen subjektiven Idealismus, um im Kapitalismus (daher meine Betonung des Bürgerlichen!) eine Erkenntnisideologie zu etablieren, die solidarische Kommunikation mit solidarischem Handeln ausschließt und verunmöglicht.

Denk dir das Verhältnis zwischen Individualität und Gattung wie in der Anatomie - natürlich hat jedes Individuum seinen eigenen Körper und womöglich auch anatomische Eigenarten individueller Art. Und doch ist nicht jeder Körper absolut individuell; dann könnte man überhaupt kein Medizinstudium betreiben und nichts lernen, was auf verschiedene individuelle Körper anwendbar ist. Auch mit den Gefühlen ist es analog; jedes Individuum erlebt seine Gefühle individuell und doch gibt es Grundstrukturen von Gefühlen, die allgemein sind, und das macht sowohl Kommunikation als auch Erkenntnisse über sich und die Welt vermittelbar, austauschbar und verstehbar. Natürlich können Menschen einander trotz individueller Differenzen verstehen.

Es wäre sehr wichtig, dass Menschen sich auf diese Erkenntnis besinnen und nebst ihrer Individualität auch das Allgemeine erkennen, das würde eine neue soziale Denkweise, der Schwarmintelligenz förderlich sein und letztlich auch solidarisches Handeln ermöglichen.

Aus der Warte der bürgerlichen Ideologie des Subjektivismus aber geht es genau um die Verhinderung der Erkenntnis der Möglichkeit solidarischen Denkens und Handelns. Teile die Subjekte in isolierte Individuen und beherrsche sie! Das ist das Wesen der bürgerlichen Kultur und Ideologie, die wir wie mit der Muttermilch eingesogen haben. Daher rührt dein Zweifel überhaupt, ob man einander verstehen kann und verstanden werden kann, wenn jeder seinen Horizont (nicht jeder einen anderen) Horizont oder seine eigenen Wahrnehmungen hat. Du und ich können jeder für sich eine eigene Meinung haben und doch können sich die Meinungen gleichen, das gilt auch für Sichtweisen und Erkenntnisse.

Und abschließend: wenn der Mensch sich von seinen Mitmenschen verstanden fühlt, wächst in ihm das Gefühl des Aufgehobenseins in der Welt und kreative Energie.


 Gedankenstrich 106

Ist die Verkümmerung des menschlichen Geistes durch Smartphones und immer neue Bequemlichkeiten, welche zu sinkenden IQ's führen können, eine Gefahr für die menschliche Zivilisation? Kann sie ihren Untergang beschleunigen oder werden uns die zunehmenden Defizite eher wenig ausmachen?

26. November 2023

Schau dir mal dieses Video an, endlich ein Narrativ, das mit vielen epischen Mythen der klassischen Geschichtsschreibung aufräumt. Das «Ende der Megamaschine»! Eine Gefahr für die menschliche Zivilisation könnte ja mal ein Hoffnungsschimmer sein. Denn die menschliche Zivilisation selbst ist eine Megagefahr für das Leben auf dem Planeten.

Der menschliche Geist verkümmert, würde ja voraussetzen, dass er schon eine ordentliche Größe erreicht hat, und genau das darf sehr bezweifelt werden. Der Mensch ist ein intuitionsloser Parasit mit einem stark eingeschränkten Geist. Alles, worauf er sich zu konzentrieren vermag ist die Entwicklung von überdimensionierter Zivilisation wie indische oder fernöstliche Kulturen, höchst artifiziell und menschen- und lebensfeindlich für Individuen oder europäische und europide Technologiefanatik mit riesigen zerstörerischen Folgen für Natur und Umwelt, wobei der Mensch als Teil der Natur an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Der menschliche Geist verkümmert nicht; die Smartphones und der Umgang mit ihnen, wie wir es erleben ist ein Ausdruck von Geistlosigkeit. Wir dürfen nicht den Fehler der Positivisten machen, die uns weismachen wollen, dass Technologie und Geist identisch wären oder dass zumindest die Technologie ein hoher Ausdruck des Geistes sei. Nein, dem ist nicht so! Geist und Technologie fallen in der Dialektik der Aufklärung auseinander und werden zu Antagonismen. Je mehr Technologie wir haben, desto weniger Geist haben wir. Und nun hat die Technologie einen Stand erreicht, der den Geist gegen Null gehen lässt. Denn wie sonst kann man erklären, dass ernsthaft diskutiert werden kann, dass Künstliche Intelligenz den menschlichen Geist ablösen könne? Die einfachste intuitive Reaktion müsste doch eigentlich statt Faszination Empörung darüber sein, dass der Mensch abgeschafft wird und das auch noch als technologischen Erfolg feiert. Das ist ungefähr so intelligent wie mit einem Hammer sich auf den Kopf zu schlagen und stolz auf das Werkzeug Hammer zu sein.



 Gedankenstrich 107

Ist es nicht gut, sich über nichts mehr den Kopf zermartern zu müssen, wenn einem Hochleistungsrechner, die Antwort auf fast alle irdischen Fragen liefern?

26. November 2023

Es ist keine Marter und keine Qual, sich Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Es geht um den Weg, der das Ziel ist und nicht um ein automatisch erreichbares Ziel. Erst wurde der Arbeitsbegriff seines kreativen Momentes beraubt und die Sklaverei, Lohnsklaverei, als Arbeit getarnt und den Menschen vermittelt und nun wird uns weisgemacht, dass die Technik uns vom Mühsal der Arbeit befreit. Wir werden dabei entmenschlicht und um unser Leben beraubt! Do-it-yourself! Ist so wichtig wie nie zuvor und es ist so wichtig wie nie zuvor den Wert des eigenen Schaffens zu erkennen, weil der Weg das Ziel ist und das Werk am Ende uns nur zufriedenstellt und stolz macht, wenn wir es selbst erschaffen haben. Wenn die Wekrzeuge aufhören, Werkzeuge zu sein und Tyrannisch werden und uns zu ersetzen beginnen, offenbart das kapitalistische System sein menschenverachtendes Antlitz. Es bleibt dabei: ich brauche keine KI, die mir künstlich in meinem Namen hier Antworten fertigt. Mit Tipp- und Formulierungsfehlern bin ich immer noch mehr ich selbst in meiner Antwort und habe selbst etwas davon, als wenn ich KI-Antworten präsentierte. Soll denn die KI auch statt meiner Pommes essen und Sex haben? Spazieren gehen und Atmen? Wo bleibt dann mein Leben? Von mir aus kann ein Problem ungelöst bleiben, wenn ich keine Lösung dafür finde. Ich werde keinen Computer nach Lösungen fragen! Ich brauche auch keine Elektronik, die für mich mein Auto in eine Parklücke fährt. Krumm und schief ist besser als automatisch. Ich genieße die Tätigkeiten oder ich lasse sie. Das ist Freiheit.

In einer Arbeit von einem befreundeten Kollegen habe ich das folgende Marx-Zitat gelesen:
«... heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je ein Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker zu werden.»
Karl Marx (1818 - 1883), Marx / Engels, "Die deutsche Ideologie", 1845/46
Das ist eine anverwandte Seite der Freiheit: ich lasse mich nicht in die Formen, Diskurse und Normen eines Berufes einsperren, übernehme nicht die Urteile und das Verhalten des Berufes, sondern bleibe in allem ein mir nicht entfremdeter Mensch. Die Selbstfindung und Selbsterkenntnis ist bei allem kulturellen und sozialen Überbau die Quelle des Menschseins jenseits aller Rollenklischees und Maskeraden und damit der Ursprung der Freiheit.


 Gedankenstrich 108

Wie wichtig ist es, von seinen Mitmenschen verstanden zu werden? Kann man dies überhaupt? Wie kann man da besser drauf achten? Oder muss man das gar nicht, weil diese Menschen dann eben nicht zu einem passen?

1. Dezember 2023

Ich komme noch einmal auf diesen Fragenkomplex zurück. Aufgrund des zuvor Gesagten, ist es sehr wichtig, von seinen Mitmenschen verstanden zu werden, wobei es um das Prinzip des Verständnisses geht, d.h. es ist wichtig, dass wir das Gefühl haben, grundsätzlich verstanden werden zu können.Verständnis bedeutet ja keinesfalls Einverständnis! Auch Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche oder gar gegensätzliche Standpunkte wahrzunehmen, ist Verständnis, auch wenn man es selbst anders sieht.

Manche Menschen sind einem sympathischer, näher, freundschaftlicher als andere. Das hat etwas mit Harmonie, Gleichklang der Seelen, mit ähnlichen Interessen oder was auch immer zu tun. Man kann und muss auch überhaupt nicht mit allen Menschen im gleichen Maße harmonisch und befreundet sein. Standpunkte können divergieren, Interessenkonflikte können eskalieren, es kann Streit geben. Menschen, die einem nicht passen oder zu einem nicht passen, gehören nicht in den engeren Freundeskreis. Das ist die eine Sache.Ich muss nicht mit Menschen befreundet sein oder gemeinsame Sache machen, mit denen ich nicht einverstanden bin. Das ist das Blatt des Einverständnisses.

Ich kann aber auch prinzipiell andere Menschen verstehen, deren Standpunkte meinen widersprechen, mit denen ich nicht harmoniere. Zugespitzt findet sich das im christlichen Gebot der Feindesliebe. Dieses Gebot heißt ja nicht, freundet euch mit euren Feinden an! Es heißt "liebet eure Feinde wie euch selbst!"Das Wort "Liebe" verführt dazu, zu viel Harmonie und Freundschaft und Einverständnis zu vermuten. Es geht aber nicht darum; denn sonst würde das "wie euch selbst" keinen Sinn ergeben! Sinnvoll wird es, wenn man sich fragt: wieviel Verständnis und Mühe bringe ich auf, um meine eigenen Interessen, Belange, Gefühle, Wünsche zu verstehen, zu vertreten und mir selbst nahe zu sein im Verständnis! Wie sehr wünsche ich mir das von anderen? Und genau in diesem Maß muss ich im äußersten Fall auch bemüht um Verständnis für meine Feinde sein, was eben ein Extremfall des Gegensatzes ist. Wie sehr kann und will ich mich in den anderen hineinversetzen, seine Motive verstehen? Das ist die Frage! Und wieder heißt es: verstehen bedeutet nicht einverstanden sein! Ich denke mir das wie in einem Schachspiel: je mehr ich mich in meinen Gegegner hineinversetzen kann, desto mehr kann ich auch für mich und mein Spiel daraus lernen.

Das heißt, wir bewegen uns auf derselben Ebene der Regeln, die grundsätzliche Basis ist vorhanden. Wenn man sich die Diskurse der Feindschaft anschaut, stellt man fest, dass diese Haltung schon ein großer Gewinn bedeutet, denn in der Regel wird den Feinden ihr Menschsein abgesprochen. So erst baut man Feindbilder und Feindschaft auf! Die anderen sind prinzipiell anders als ich, ich muss sie nicht verstehen, sondern vernichten! Dem bietet das christliche Gebot Einhalt! Auch wenn andere nicht zu mir passen, spreche ich ihnen das Menschsein nicht ab.


 Gedankenstrich 109

Es heißt "liebet eure Feinde wie euch selbst!" Heißt es wirklich so?

1. Dezember 2023

In meinen Überlegungen zum Verständnis seiner Mitmenschen und zum Einverständnis mit ihnen in Freundschaft habe ich zwei biblische Gebote des Neuen Testaments zusammengezogen zu einem Gebot: «Liebe deine Feinde wie dich selbst!» Tatsächlich aber ist es in der Bibel anders formuliert: 1. «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»; 2. «Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.»
[Matthäus 5:43,44.]

So sehr weit liegen die beiden Gebote nicht auseinander; aber identisch sind sie nicht.

Mich hat der Gedanke des Verständnisses für den anderen und in übersteigerter Form für den gegensätzlichen und feindlichen anderen beschäftigt. Ihn zu lieben kann nicht sein, für ihn dieselben Empfindungen zu haben wie für die Partnerin oder den Partner, für die Eltern, Freunde oder für die Kinder. Liebe ist nicht immer gleich, sondern existiert in verschiedenen Spielarten und Formen. Wir nennen etwas immer "Liebe", was mit Zuneigung und Verbundenheit zu tun hat, aber auf der Grundlage dieser Ebene auch sehr von Fall zu Fall variiert. Eine freundschaftliche Liebe ist eine andere als zu Kindern, Eltern, Großeltern oder zur erotischen Liebe. Und doch sprechen wir immer von Liebe, was auch seine Berechtigung hat. Unter den Variationen aber befindet sich auch die Selbstliebe; auch diese ist Liebe aber in einer wiederum besonderen Form: sie ist weder reiner Egoismus, noch eitle Selbstverliebtheit wie Narzissmus. Man ist mit sich selbst verbunden und im Einklang sowie Einverständnis, was übrigens überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist. Je mehr die Entfremdung in der Gesellschaft fortgeschritten ist, desto schwieriger wurde es mit dem Einklang und dem Einverständnis mit sich selbst. Unsere Eltern lassen uns in Leistungsdruck für Wohlstand und Karriere fühlen, dass wir ihnen lästig sind, sie keine Zeit für uns haben, keine Kraft für Aufmerksamkeit und Zuwendung. Später ängstigen sie uns und verängstigen uns, dass wir ihren Ansprüchen und Anforderungen nicht genügen, nicht die Leistungen erbringen, die sie von uns erwarten; wir genügen ihnen nicht, wie wir sind, wir müssen den Ansprüchen und Anforderungen genügen. Und diese sind keineswegs von unseren Eltern erfunden und an uns gestellt, sondern sie bedrücken und belasten als gesellschaftlicher Normzwang zu funktionieren und Regeln einzuhalten, bereits unsere Eltern. Manche von ihnen treten sogar untereinander als Eltern in den Wettstreit, wessen Kind es gesellschaftlich sprich auf der Karriereleiter weiterbringt. Das schafft derart entfremdete Verhältnisse, dass Selbstliebe alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Wie soll man da seinen nächsten und dann auch noch übersteigert seine Feinde lieben? Genau diese Frage aber erfordert eine ernsthafte Antwort, wenn sich Gesellschaft und Menschheit von der Destruktivität abwenden sollen. Wir müssen Verständnis und Verständigung üben!


 Gedankenstrich 110



Gedankenstriche 111 bis 120
 
 
Uri Bülbül
freier Literat und Philosoph
• Waterloostraße 18 • 45472 Mülheim a.d. Ruhr