Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 
 
05. Juni 2022


SOKRATES
Der kafkASKe Fortsetzungsroman

Leseprobe: Die 500. Folge des Romans...


Weiterführende Gedanken, Interpretationen, Selbstdeutungen, Reflexionen und Essays finden sich im SOKRATES-BLOG, der in der zweiten Jahreshälfte 2022 intensiv beabrbeitet werden wird. Philosophie und Belletristik greifen immer mehr ineinander, ein Prozess, den ich befeuere und der mein Autorenherz erwärmt.
Die Google_Dokumente mit Intermezzi als PDF und Band 6 als PDF:
Folgen 1-219
Folgen 220-400
Folgen 401-500
Folgen 501-bis aktuell (Band 6) auch kommentierbar auf Google-Docs...




Sehr zum Verdruss des Autors, der in epischen Fernen lebt, lässt die Plattform seinen Roman nur noch nach Anmeldung lesen, weshalb das Link-Register nun ergänzt ist durch eine PDF desjenigen Buches, das zu den inexistenten gehört: Es gibt eben nun einmal Bücher, die gibt es gar nicht!

Der Hölderling

Ein Zimmer bei Zimmer wird mir nicht zuteil. Ich muss mein Zimmer mir erdichten und eine Schwester Lapidaria fein, damit ich vernünftig irre sein kann. Uri, der Hölderling - SOKRATES Folge 450:

Wir werden demnächst sehr intensiv nach Frankfurt a.M. schauen müssen. Da ist ein Dichter in die Frau des Hauses verliebt, in dem er als Hauslehrer verweilen darf. Die verheiratete Geliebte, der Dichter, sein Schützling und der Hausherr! Geschichten aus dem Hirschgraben. Und der geneigte Psychopath fragt: ist der Theaterphilosoph die Wiedergeburt jenes Dichters und damit ein Hölderling? Eine Rebirthingsitzung muss veranstaltet werden, der Philosoph in Hypnose versetzt und kritisch befragt. Das mag ein sehr schmerzhafter und beängstigender Prozess sein, aber nur so kommen die Geschichten aus dem Hirschgraben zur Welt!

Vorerst soll der Hinweis genügen, dass in der unten genannten PDF-Datei alle 450 Folgen und die Zwischenspiele zu lesen sind.

Doch oben sind auch andere PDF-Dateien desselbigen Inhalts nur mit weiteren Folgen derart verlinkt, dass fließend am Stück bis zur aktuell veröffentlichten Folge der ganze Roman dem geneigten Publikum zur Verfügung steht, auf dass er ihm Genuss bereite.




Wir schreiben den 27. August im Jahre des Herrn 1749 in Frankfurt am Main. Im Hause des kaiserlichen Rates, einem Doktor der juristischen Fakultät liegt die Ehefrau schweißgebadet in den Wehen, schreit, schnauft und stöhnt - der Herr Doktor jur. Justizrat des Kaisers ist hinausgeschickt und versucht die Kontenance zu wahren. Fast 300 km davon entfernt in einem schwäbischen Städtchen Nähe der Landeshauptstadt jenseits der Stadtmauern lebt in Obstgärten eines Bauern in einer ärmlichen Hütte ein Dichter, den sie «die türkische Nachtigall» nennen und scheidet aus dem Leben. Auf seinem Nachttischchen kein Gebetsbuch, sondern ein in Ledergebundener Band mit der Aufschrift SOKRATES und seinem eigenen Namen - die handschriftlich verfasste Urschrift eines endlosen Romans - benannt nach dem antiken griechischen Philosophen Sokrates. Rund 265 Jahre später am 02. Januar 2014 im digitalen Zeitalter des Internets und von Google angekommen, beginnt ahnungslos von dieser Urschrift ein Dichter desselben Namens wie der am 27. August 1749 in Waiblingen verstorbene Gartenpoet auf ask.fm mit dem Nicknamen Klugdiarrhoe einen kafkASKen Fortsetzungsroman mit dem Titel SOKRATES. Fast zwei Jahre später erst, also 2016 lässt ihm die Hamburger Gelehrtendame Philomena, in deren Besitz sich die Urschrift befindet, den Waiblingener Roman zukommen. Dem Internetdichter bleibt angesichts der Post aus Hamburg vor Ehrfurcht beinahe das Herz stehen. Ist er die Reinkarnation des vor 265 Jahren verstorbenen schwäbischen Dichters türkischer Abstammung? Oder ist er es gar selbst, der durch eine Zeitreise am 02. Januar 2014 wie in Trance seinen Roman zu schreiben beginnt, der bereits seit 265 Jahren schon existiert?

SOKRATES ist ein Rhizomableger der ZERFAHRENHEIT, ein wahnhaft dionysischer Roman, und er entwickelt andere Verflechtungen im Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Wachsein, Realität und Illusion, Verschwörung und Freundschaft, Lüge und Wahrheit, Staat und Gesellschaft, Polizei und Kriminalität, Leben und Tod. Hamlet flüstert noch einmal seinen Satz von den Dingen zwischen Himmel und Erde und der Schulweisheit, die sich davon nichts, aber auch gar nichts träumen lässt!

Es ist ein episches Schimmelbuch, das das Gehirn befällt und das Bewusstsein belegt und durch alle Ebenen und Schichten seine Fäden zieht und Sporen hinterlässt.

Ein Antibiotikum gegen die Rationalität des täglichen Irrsinns.

Horatio, du treuer Freund und einzig Überlebender der Tragödie, solltest du gar kein Plätzchen in diesem Schimmel des Wahnsinns erhalten? Der Rest ist Schweigen, ja, ja... und aus diesem Schweigen rumort es, knie nieder auf dem Schafott und leg den Kopf auf den Baumstumpf und hoffe, dass der Henker mit dem Beil zielsicher sein wird und der erste Hieb kühl und tödlich wie eine Befreiung aus Zweifel, Angst und Not!

Doch mein Guter, was ist das? Du hörst Stimmen aus dem Gehölz? Der Baumstupf spricht, flüstert, raunt dir etwas zu? Und nun denkst du: werde ich genug Zeit haben, zu realisieren, was das Schafott mir sagen will?


Die Gesichter der Wahrheit - 500 Folgen SOKRATES

Eine neue Figur, ein etwas älerer Philosophie-Student, man darf ruhig vermuten ein notorischer Langzeitstudent, taucht auf. Er darf ein Stück weit Else begleiten und muss den metaphysischen Hintergrund dieses Ereignisses in seinem Leben erst einmal kennenlernen und dann auch noch gegen jegliche "normale" Vernunft begreifen. Darauf wird ein Blick zu werfen zu sein; erst einmal aber schauen wir mal auf Elses Ankunft im Roman und in der Stadt, in der sie ihre Abenteuer zu bestehen haben wird:

Wir sind in der Folge 441:
Eine Frau, eine Dame mit Hut und zwei großen Koffern, die sie hinter sich her zog, erreichte den Westeingang des Bahnhofs, der für sie Ein- und Ausgang zugleich sein sollte. Der Ausgang aus dem Bahnhof am Ende einer nicht allzu langen Reise von Leipzig bis hierher und der Eingang in einen neuen Lebensabschnitt mit einer neuen Aufgabe. Graf Otto aus Marokko hatte sie angerufen, wo er in der Hauptstadt noch immer als Militärattaché festsaß. "Also, wer sich so etwas ausdenkt!", schnaubte er wütend, "der ist doch zu doof, ein Kasperletheater zu schreiben, wo die Oma vom Krokodil bedroht, aber vom Kasperle gerettet wird! Soll den doch Räuber Hotzenplotz mit der Pfefferpistole holen! Das ist doch kein Schicksal so was, das ist einfach Unvermögen! Mich in Rabat vergessen! Und unsere geliebte und geschätzte Philomena in Casablanca in dieser filmhistorischen Spelunke von einem Café eines amerikanischen Propagandaspielfilms! Wer will diesen Mist denn sehen? Wenigstens hat der Widerstandskämpfer etwas Widerstandsgeist, kommt aber in dem Amischinken etwas verweichlicht rüber!" So ganz schlau wurde Else aus Ottos Rede nicht. Was war mit Philomena? Wo war sie abgeblieben? Und Otto nicht in seiner geliebten Heimat, sondern in Rabat? Und sie sollte sich auf eine Stelle in einem Sanatorium bewerben - aber flott? Das war die Quintessenz des Telefonats: die Bewerbung im Innenministerium des westlichsten Bundeslandes der Republik. Kurzer Lebenslauf, tabellarisch genügt! Und die Stelle sollte ihre sein. Ein psychologisches Sanatorium am Rande des Waldes zu Hattingen, eine schöne Villa aus dem 18. Jahrhundert, sehr romantisch mit großem Garten und wie gesagt direkt am Wald, eigentlich schon im Wald. Schöner kann man schier nicht wohnen! "Also diesen Sanatoriumsquatsch habe ich mir nicht ausgedacht!", betonte Otto noch einmal und damit war Else genug informiert. Sie bewarb sich, bekam positiven Bescheid und dann die Berufung. Kein Vorstellungsgespräch nichts! Das wunderte sie, aber sie hielt die Ernennungsurkunde in einem Umschlag aus dem Briefkasten in ihrer Hand, eine offizielle Urkunde in amtlichem Grün mit dem Landeswappen und Siegel des Innenministeriums. Eine Ernennungsurkunde, kein Arbeitsvertrag! Else gehörte nun ohne Habilitation, ohne Bewerbungs- und Auswahlverfahren, ohne einen öffentlichen Probevortrag und ohne ein Auswahlgespräch und ohne eine Disputatio zur Riege der Professorenschaft. Wer denkt sich denn so etwas aus? Aber das sollte von nun an noch die geringste Frage sein. Sie stand am Ausgang, stellte die Koffer hinter sich ab und warf einen orientierenden Blick um sich. Die Sonne stand schon tief im Westen, der Himmel war leicht bewölkt, die Nacht konnte kühl, sehr kühl werden! Der Taxistand war unübersehbar. Sie schritt nach tief Luft holen und die Stadt beschnuppern die Koffer hinter sich her ziehend langsam auf das einzige Taxi zu, das am Stand wartete.

Wer glaubt, dass damit Elses Ankunft als Leiterin der Psycho-Villa in SOKRATES erledigt sei, hat nicht viel von der Geschichte gelesen, geschweige denn begriffen! Kaum hört der Taxifahrer, wohin die Fahrt gehen soll, schließt er schnell das Fenster und hat es furchtbar eilig, vom Stand wegzukommen. Aber mit dem Zug ist nicht nur Else angekommen, sondern auch ein eleganter Mann in feinem Zwirn. Auf ihn richten wir unsere Aufmerksamkei überhaupt nicht. Er quartiert sich von uns schier unbemerkt in einer Pension in der Nähe des Bahnhofs ein und spricht bei Dr. Alfons Albermann, im Polizeipräsidium vor. Die Frage, die mir ernsthaft und schier grüblerisch durch den Kopf geht, ist: Ist Dr. Albermann katholisch? Eine Antwort auf diese nun im Moment sehr nebensächlich erscheinende Frage, wird nach der 500. Folge zu finden sein. Der Mann aus der Folge 447 wird die nächsten 53 Folgen schier in Vergessenheit geraten.

Dafür wundert sich Else umso mehr über das, was ihr widerfährt:

Sie kann sich darüber ruhig wundern, gefährlich wird es für sie vorerst nicht! Es sei denn man erachtet den Charme eines Langzeitstudenten in Philosophie als eine Gefahr. Einer reifen Dame, die weiß, was sie NICHT will, ist die Begegnung harmlos.

Sie folgte dem Ruf in den tiefen Westen, wo nun die Sonne unterging und der Taxifahrer schleunigst davon fuhr, als er die Adresse hörte. «Seltsam, seltsam», dachte Else bei sich. Noch stand sie unentschlossen am Taxistand auf der Fahrbahn, als ein alter Mercedes vorfuhr. Ein Kombi, der als T-Modell in die Annalen der Autogeschichte einging, blieb neben ihr stehen, als wäre er ein Taxi. Ein freundlicher dunkelhaariger Mann ließ die Scheibe hinab und fragte: «Else @Erwachsenenschreibtisch?» Else stutzte. Der Mann wollte sich schon entschuldigen, sie fälschlich angesprochen zu haben, als er ihren Gesichtsausdruck wahrnahm; sie korrigierte das entstehende Mißverständnis sofort: «Ja, Else stimmt, aber nicht @Erwachsenenschreibtisch, sondern ...stammtisch! @Erwachsenenstammtisch!» Der Mann strahlte sie an, stieg aus, um ihr mit den Koffern behilflich zu sein. «Entschuldigung. Aber es ist schon richtig, dass Sie zur Villa am Venusberg fahren möchten, in den Hattinger Wald?» «Ja, das ist wohl wahr!» Und schon hatte er ihre Koffer im geräumigen alten Wagen platziert. Dann hielt er ihr die Beifahrertür auf. «Arbeiten Sie in der Villa?», fragte sie, als sie losfuhren. Er lachte, «nein, nein, ich bin ein Taugenichts. Ich verbringe manchmal Zeit in Alis Werkstatt und war neugierig; da hat der Kauz gesagt: du kannst ja eine ankommende Dame zur Villa fahren.

Folge 456

Und Ali nannte mir Ihren Namen, den ich mir schon nicht richtig merken konnte. Bitte entschuldigen Sie vielmals.» Er war nicht aufdringlich, aber seine Blicke tasteten sie kurz auf ihre Weiblichkeit ab, was ihr nicht entging. Ein Charmeur, dachte sie. «Repariert Ali Oldtimer?», versuchte sie ihm sanft auf den Zahn zu fühlen. Er lächelte: «Alis Werkstatt ist ein Umschlagplatz menschlicher Mobilität, möchte ich mal sagen», antwortete er dann. Else war über seine Ausdrucksweise erstaunt, wahrscheinlich war er ein Langzeitphilosophiestudent oder einer, der sein Studium schon abgebrochen hatte oder aber er schrieb seit zwei Jahrzehnten an seiner Doktorarbeit, hatte hunderte Seiten Bücher kopiert und ebenso viele exzerpiert, sich Notizen gemacht und etliche Kapitel fragmentarisch geschrieben und kam einfach zu keinem Abschluss. «Und Sie helfen Ali?», fragte sie forschend. «Ich wollte mein Auto über den TÜV bringen und habe gehofft, dass Ali mir dabei hilft, stattdessen will er aber, dass ich ihm dieses Auto abkaufe. "Genau das richtige Auto für dich!", behauptet er. Und nun habe ich die Gelegenheit, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Dann verfahre ich auch nicht unnötig Benzin, und es ist allen geholfen!» Wieder lächelte er. Sie musste unweigerlich zurück lächeln. «Was hat Ali mit der Villa zu tun?» fragte sie nach einer kurzen Anstandspause, sie wollte nicht wie in einem Verhör klingen. Aber vielleicht war diese Frage auch im Falle des Inhabers eines Umschlagsplatzes menschlicher Mobilität auch völlig deplatziert. «Sie können alles fragen, was Sie möchten», sagte er empathisch.


Und dann auf dem Rückweg, nachdem er Else abgesetzt und ihrer Ankunft in ihrer neuen Arbeits- und Wohnstatt überlassen hat, hat der freundliche Langzeitstudent eine Begegnung im finsteren Wald. Darüber wird noch zu sprechen sein; wichtig vorerst ist, dass dabei der Satz fällt: "Realität ist die Relativität!"

 Auf ask.fm/Klugdiarrhoe

mit einem Linkregister zum " Nachlesen aller Folgen auf ask.fm ".

 
 
Uri Bülbül
freier Literat und Philosoph
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