Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 
Null

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Gedankenstriche-Map


Auf der Suche nach einem Mittel der Wahrnehmung...

Dem Fluss ist es egal, wo man in ihn hineinspringt oder wo man ihn zu überqueren versucht...
Gedankenstrich Null



Dem Fluss ist gänzlich alles egal.

Doch das suchende Bewusstsein weiß von der Quelle und der Flussmündung, vom Lauf und vieles mehr. So nimmt man einen Nullpunkt, damit das Bild stimmt. Es ist das Bewusstsein, das Punkte setzt: Anfänge, Höhepunkte, Endpunkte, das Kurven zieht und Tangenten, das Asymptoten definiert und Realität erschafft. Das klingt nach purem Idealismus, als würde das Bewusstsein erschaffen, was es wolle. Und was es nicht wolle, einfach wegdenken. Und jeder weiß, dass die Wirklichkeit kein Wunschkonzert ist und dass es so vieles in der Wirklichkeit gibt, was man so gar nicht haben möchte und tatsächlich am liebsten durch reines Denken, reine mentale Kraft aus der Welt schaffen würde. Und jeder weiß, dass die Wirklichkeit sich so einfach nicht umdenken lässt. Doch weiß der Fluss selbst nicht einmal, dass er ein Fluss ist.

Ich aber ich habe einen Punkt, einen Bewusstseinspunkt, einen Standpunkt, der mehr ist als die Koinzidenz all meiner Urteile, Vorurteile, Meinungen und vermeintlichen Gewissheiten. Einen Standpunkt, der auch mehr definiert als mein Verhältnis zu bestimmten Sachverhalten, Weltereignissen, politischen Geschehnissen oder Erfordernissen. Es geht hier nicht um relativ manifeste und oberflächliche Standpunkte, die man durch Verlautbarungen, Erklärungen, Argumentationen definieren... ach was... verbalisieren kann!

Es geht um einen vor- oder gar unsprachlichen Standpunkt, der mir eine Gewissheit verleiht, mit der ich "Ich" sagen kann. Und wenn ich es sage, weiß ich, was damit gemeint ist. Wenn ich dann daraufhin die Frage erhalte:«Was? Du?» weiß ich, dass ich mir der nächste bin. Ich bin meine Innerlichkeit, was eine Du-sagende Person mir nie sein kann! Vielleicht gibt es da eine Ausnahme, aber diese ist ein ganz besonderer Sonderfall und ganz und gar anders und in einem anderen Kontext zu erörtern als hier: mein Hunde-Lebensfreund und Begleiter. Lassen wir diese "Ausnahme" von diesem hiesigen Punkt aus betrachtet beiseite. Bleiben wir beim klassischen Begriff der "Person", womit in der Regel menschliche Personen gemeint sind. Ich bin meine Innerlichkeit und doch schließt das nicht aus, dass ich mir selbst fremd bin. Ich sollte vielleicht besser sagen: Meinem Ich ist mein Selbst fremd. Es gibt Ecken, Winkel, Schichten in mir, die sich dem Blick und dem Wissen meines Ichs über mich entziehen. Ich habe Nietzsches Aussage: wir sind uns fremd, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst... nie auf mich selbst angewandt. Vielleicht habe ich mich als einen Erkennenden nie selbst angesprochen gefühlt. Man weiß eben nicht... und da schließe ich von mir auf andere, eigentlich auf alle: man weiß eben nicht, warum man auf manche Ideen kommt und auf andere nicht, obwohl sie durchaus naheliegend sein können. Von wem ist da mit "man" die Rede? Von allen Personen, die "ich" sagen können und sich selbst damit meinen. Ich nähere mich dem Standpunkt, von dem oben die Rede war. Er ist die basale Sicherheit, die "Ich" sagen lässt. Er ist der Standpunkt, der dem Ich das Gefühl der Gewissheit gibt, was in der sprachlichen Performation des Ich-Sagens nicht nur semantisch, sondern auch emotional expressiv und appellativ geäußert wird. Das Ich sagt nicht umsonst "ich" - es will auch in seiner Gewissheit von anderen wahrgenommen werden. Denn auch in diesem Zusammenhang hat die Aussage: «Sein ist Wahrgenommenwerden» ihre Gültigkeit.

Auf diesem Ich basiert letztlich das Cogito als denkendes Ich. In meinem konkreten Fall will es sich hier zu einem Gedankenstrich erst und dann zu 365 Gedankenstrichen erheben. Gedankenstriche, die Strich für Strich uns zu einer Kulturphilosophie des Lebens heranführen, was ich deshalb mit Sicherheit sagen kann, weil nicht der lineare Prozess des Schreibens und Argumentierens auf dieses Ziel führen soll, sondern das Leben schon da ist und den Standpunkt des Ichs ausmacht - jenen Standpunkt, der allem vorangeht und zugrundeliegt. Darin unterscheidet sich diese kulturphilosophische Schrift von meinen früheren Versuchen, die in einem gewissen Rationalismus verfangen waren, obwohl sie sensualistisch, ästhetisch und provital sein wollten. Eben das ist das Entscheidende: sein WOLLTEN! Sie waren zwar der Morbidität des rationalistischen Denkens eher abgewandt, das aber genügt keinesfalls, eine lebensfreundliche Kultur zu präsentieren.


Das virtuelle Schreiben macht je etwas möglich, was das gedruckte nicht zulässt. Die gedruckte Schrift erzwingt Endgültigkeit. Sie kann nicht zwischendurch variiert, modifiziert, ergänzt, verändert, erweitert oder gekürzt werden. Dies geht von Auflage zu Auflage, woran allein schon sichtbar ist, wie sehr Literatur dem Leben als Lebendiges abgewandt ist. So sehr das Buch verehrt wird, so deutlich muss gesagt werden, dass das Buch ein Kultobjekt des Rationalismus ist und eine Philosophie, die sich der Lebendigkeit des Lebens widmet, es nicht als sein Medium begreifen kann! Das Gespräch, die Metapher, alles Bildhafte, die Erzählung und der Schrift am nächsten der virtuelle Text eignen sich weit besser für eine vitale Philosophie, die nicht Gedanke sein will, sondern erlebte, gelebte Erkenntnis in den Tiefen der Körperlichkeit, eine Philosophie, die in Fleisch und Blut übergegangen ist durch Mark und Bein, ohne sich in Begrifflichkeiten, Terminologien oder Argumenten zu verlieren. Wir kommen nicht in medias res, wir sind immer mitten drin! Das ist keine neue philosophische Auffassung, sondern eine die seit dem späten 18. Jahrhundert weit um sich gegriffen hatte, die aber die industrialisierte Moderne brutalst verdrängte. Diese Moderne brauchte (ich bin hier im Erzählpräteritum) eine lineare Narration, eine lineare und mechanische Systematik, radikal positivistischen Szientismus, der alles ausmerzte, was nach Vagheit und Ambiguität aussah, um eine Kultur verinnerlicht und verabsolutiert zu etablieren, die dem Leben durch und durch abgeneigt ist! Wir können das festmachen, woran wir wollen, wenn wir beginnen mit wachem Auge unsere Welt zu betrachten. Das Ich kann nicht anders dann, als eine Lanze für das Leben zu brechen.






Gedankenstriche 1-12
 
 
Uri Bülbül
Literat und freier Philosoph
• c/o KulturAkademie-Ruhr • Girardetstraße 8 • 45131 Essen