Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 

31. Juli 2022


Straßenphilosophische Dispute

Gibt es ein Leben vor dem Tod?
oder
Was ist «richtiges» Leben?

«die Welt in der wir leben», sagt @Herzenskind89 in eurem Dialog, ich habe mich vor einigen Tagen mit Adornos Satz konfrontiert gesehen: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Leben wir wirklich in der Welt? Oder leben wir im System? Und lebst du richtig? Ich meine: lebst du wirklich?
(Uri an @DerBilal)

@DerBilal:
Oha, da hat jemand die Gelegenheit wahrgenommen schwere Geschütze aufzufahren und meine Seele herauszufordern.Puh. Mit Analogien lässt sich leichter Hantieren.

Also die Frage ist, ob wir in oder außerhalb der Matrix leben und ob das Leben in der Matrix als solches überhaupt lebenswert und richtig ist?Für unser Dasein können wir nichts. Man kann uns nicht verübeln zu existieren, weil wir einfach da sind. Folglich gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt Moralvorstellungen, Gesetze und Gewissen. Doch sind das keine vorgegebenen Konstrukte, sondern "künstlich" erschaffene. Diese ergeben sich durch das Miteinander, durch Erfahrung, Eindrücke, etc. Vielleicht ist diese Frage für dich als Philosophierender schon so inflationär gestellt worden, dass du die Lust an ihr verloren hast, aber: Was ist Leben überhaupt? Wenn ich mich nach meiner eigenen Auffassung "aktiv" für etwas entscheide, lebe ich dann? Lebe ich nicht auch, wenn ich nicht alles aktiv selbst entscheide?

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen" klingt wie die Boulevardpresse, die versucht Panik zu verursachen.Egal in was wir leben, wie wir leben, ob wir leben oder nicht; ob es eine Matrix, ein System oder Mayonnaise ist, das einzige was wir haben ist unser Bewusstsein. Darüber hinaus gibt es keinen Weg zu erfahren, was "wahr" ist.

Wir müssten ohne eigenes Bewusstsein das Leben/die Matrix von außen betrachten können, um bewerten zu können, ob wir wirklich leben. Selbst dann gibt es keine Garantie darauf, dass wir auch wirklich alles von außerhalb betrachten können. Vielleicht ist das noch ein netter Denksport, sehe ich doch keinen Nutzen einer Antwort. Selbst wenn wir wüssten, wie uns geschieht, die Rahmenbedingungen bleiben die gleichen.

Es gibt kein definiertes Richtig oder Falsch.

Ich und mein Bewusstsein nehme unser Schicksal selbst in die Hand und tun, wonach uns ist. Wir leben wirklich.

Erste Schritte in Kynosophie

Wenn wir den Menschen, seine Gesellschaft, Politik, Geschichte, Moral, Normen, Individualität verstehen wollen, dürfen wir nicht - können wir nicht! - vom Menschen, seiner Gesellschaft, Politik, Geschichte, Moral, von seinen Normen, seiner Individualität ausgehen. Man braucht dazu einen dem Menschen nahen äußeren wie äußerlichen Punkt: den Hund alias Kynos. Bisher falsch praktiziert und verstanden als Zynismus, was von Kynos, dem Hund, kommt und zu «beißendem Spott» verkommen ist. Nichts gegen intellektuellen Biss, dieser aber darf nicht rationalistischer Scharfsinn ohne Gefühl sein! Der Zynismus verleugnet seinen emotionalen Ursprung - leider.Ich will weg vom Zynismus durch dialektische Aufhebung zur KYNOSOPHIE!Es ist über den Philosophen, der nicht so viel auf das Schrifttum gegeben hat, konsequenter Weise auch nicht so viel bekannt. Anekdoten, Legenden, Setsam- bis Witziges. Darauf wird einzugehen sein, aber zuvor eine sehr gelungene Hinführung zu Diogenes von Sinope, was sich auf youtube befindet und hier als Grundlage für einen Ausgangspunkt zu einer NEUEN Kulturphilosophie dienen kann:



Hans-Georg Gadamer warnt vor Philosophen, die nach Definitionen suchen. Die Warnung im Ohr unternehme ich einen Definitionsversuch, nicht um eine Vorschrift und Norm zu kreieren, sondern Klarheit in meine Ausdrucks- und Denkweise zu bringen, was Verständnis und Selbstverständnis erleichtern kann. Das Genus Proximum der Kynosophie ist Philosophie; doch während die Philosophie neben der Weisheit die Liebe enthält und damit mit zwei Unbekannten und schwer begreifbaren Inhalten operiert, kann man über die Kynosophie sagen: sie ist eine Philosophie, die die Weisheit der Hunde zur Erkenntnisgewinnung für den Menschen heranzieht oder über Verhalten und Eigenschaften von Hunden und in der Aktion von Hund und Mensch zu allgemeinen und lebensphilosophischen Erkenntissen über und für den Menschen zu gelangen versucht. So kann der Hund zum Maß vieler Dinge gemacht werden, um Vitalität und das Leben neu zu vermessen. Das also ist mit "Kynosophie" gemeint: diejenige philosophische Praxis, die zu Erkenntnissen über den Weg der Betrachtung von Hund und Mensch im Leben zu Erkenntnissen über den Menschen zu gelangen versucht. Da sie aber selbst eine Philosophie ist, geht der Mensch dem Hund voraus. Das ist auch kulturhistorisch nicht weiter verwunderlich, da der Hund ein Kulturprodukt ist und sich aus der Domestizierung von Wölfen entwickelt hat, wie man gemeinhin zu wissen annimmt. Die Kynosophie stellt das nicht in Frage. Ganz im gegenteil basiert sie auf der Annahme des Hundes als Kultur- und Zivilisationsprodukt. Was den Hund besonders interessant für die Philosophie macht und die Kynosophie begründet ist, dass kein anderes Tier so sehr Interaktion und psychische Symbiose mit dem Menschen sucht und braucht wie der Hund. Ein längerer Text zu KYNOSOPHIE ist begonnen, aber noch nicht veröffentlicht.

Lebt der Hund wirklich in der Welt? Oder lebt er im System? Lebt er richtig? Lebt der Hund wirklich? (@DerBilal)

Du machst mir Gedanken, das finde ich gut. Danke dafür. Korrekter Weise müsste man sagen: Du machst mich denken, oder du machst mich nachdenklich (was aber schon eine etwas andere Bedeutung hätte). Sprachanalytische Genauigkeit ist mir wichtig.

Lebt der Hund wirklich? Ja, wenn man wirklich so versteht wie real. Wir leben ja alle wirklich: Nur verstorbene Schauspieler, die man in Filmen noch sehen kann, leben nicht mehr wirklich.Versteht man aber «wirklich» im Sinne eines idealen Lebens, leben wir alle nicht «wirklich» - und der Hund als unser Kulturwesen und Begleiter auch nicht! In diesem Sinne ist auch «richtig» gemeint: leben wir «wirklich» (oder «richtig») oder existieren wir fremdbestimmt vor uns hin und werden nur noch ausgebeutet (extrem aufgezeigt im Film MATRIX). Den Menschen wird ein Leben ins Hirn projiziert, aber in Wirklichkeit liegen sie als Energielieferanten in gläsernen Särgen an Schläuchen und Kabeln. Das ist natürlich kein «richtiges» Leben; und versteht man Adorno so, dann gibt es kein richtiges Leben im falschen (=in der Matrix). Man kann aber auch sagen: «richtig» verstehen wir nicht gleich «wirklich», sondern als «ethisch korrekt». Diebstahl ist nicht richtig, kann man zum Beispiel sagen. Oder: es ist nicht richtig, seine Freunde zu betrügen. Wobei Betrug an sich ja als verwerflich angesehen werden kann: Betrug wäre dann niemals «richtig». Aber wenn man es «richtig» macht, fliegt es nicht auf ;) So sind die Sprachspiele und Bedeutungsunterschiede.Meine kynosophische These ist aber nun: wir können von Hunden lernen - im Sinne einer Lebensweisheit. Wir können aber nur dann richtig von Hunden lernen, wenn wir sie auch richtig behandeln, also sie nicht zu sehr nach der Manier der Hundeschule gängeln und reglementieren, an der Leine ziehen und zerren. Wir sind im Kern des Problems: Dürfen sich Lebewesen, insbesondere soziale Lebewesen wie Menschen und Hunde ihrem Wesen, ihrer Natur, nach entfalten und verhalten oder unterliegen sie Zwängen, die sie verbiegen. Mir hat ein Mann mal von einem Hund erzählt, den er auf dem Hof im Zwinger gefunden hat, den er als Immobilie käuflich erwarb. Die Vorbesitzer des Hofes haben den Hund einfach dagelassen. Der Hund war im Zwinger an einer Schleppleine angeleint, er konnte immer nur in diesem Radius im Kreis laufen. Der Mann nahm den Hund von der Leine, aber er konnte die erste Zeit nur im Kreis laufen und traute sich auch nicht aus dem Zwinger. Ein richtiges Leben war das also für ihn nicht. Wir leben alle im Spannungsverhältnis System und richtiges Leben und wenn ich jetzt noch einmal Adorno zitieren darf: es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Ist falsches Leben nicht auch Leben und damit grundlegend NICHT falsch?
(@DerBilal)

Aus der Ferne der Abstraktion scheint diese Frage so naheliegend und berechtigt, doch je näher man dem Leben kommt, desto absurder ist sie: Schuften als Kind in Kobaldminen oder für billige Mode in Europa in Bangladesh oder sonstwo; leben in der Sklaverei, in Bergwerken, Fabriken und nur für die Arbeit, bei der man kaum mehr erhält als das zum Leben notwendigste - da ist "Leben" = Überleben! Und da fragst du, ob das nicht auch Leben ist und damit grundlegend nicht falsch!Der Rationalismus erlaubt uns solche gedanklichen, begrifflichen Abstraktionen, dass wir schnell eine Höhe erreichen, aus der heraus alles heile erscheint. Deshalb prangere ich den Rationalismus auch so stark an.

Wittgenstein sagt: Denke nicht! Sondern schau! Also mach die Augen auf und diskutier mit mir nicht um des Diskutieren Willens. Aber das trifft nicht nur auf dich zu, lieber Bilal. Das betreibt die überwiegende Mehrheit der Menschen um mich so. Aber mich wundert das nicht: es gibt eben kein richtiges Leben im falschen, warum also sollte ich richtige Freunde haben in überwiegender Mehrheit! Kaum jemand reagiert auf meine philosophischen, literarischen und politischen Äußerungen mit konstruktiver Kritik - die meisten setzen den Hebel und ihr Gift dort an, wo sie mein Bewusstsein zersetzen zu können glauben: eine Uri-Demoralisierung könnte ja ihr Weltbild bestätigen. Das schreibe ich jetzt nur, um aus meiner Lebenssituation etwas zu erzählen und meine nur zu einem geringen Teil dich persönlich. Die sollte hieraus nur die Äußerung treffen, dass deine Frage ein Kind des Rationalismus ist.

Also mach die Augen auf!

Also hat der Hund im Zwinger falsch gelebt? Oder gar nicht gelebt, weil es im falschen Leben stattgefunden hat? Muss er denn das ideale Leben anstreben, indem er von der Leine/Dem Zwinger losgelöst wird? Meine Frage ist: Warum sollte projiziertes Leben im Hirn, was der Ausbeutung dient falsch [sein?]
(@DerBilal)

Noch immer klebst du an der hier nicht gemeinten Bedeutung von "richtig", das Gegenteil davon ist in diesem Fall nicht falsch - sondern "nicht wirklich"! Der Hund im Zwinger, der nur im Kreis rennen konnte, weil er auch noch angebunden war, hat kein wirklich schönes Leben gehabt bis zu seiner Befreiung. Natürlich war er biologisch am Leben, hat also gelebt - aber wie viele Bedeutungsvarianten findet man, wenn man nur etwas über Adornos Satz nachdenkt! Ein richtiges Leben kann man auch als ein erfülltes Leben bezeichnen, als ein glückliches Leben, Glück nicht als Zustand, sondern als ein umfassendes Wohlbefinden über lange Zeiträume.Die Menschen, denen der Hof zuvor gehörte, haben wahrscheinlich selbst ein falsches Leben geführt, waren überlastet, unglücklich, fühlten sich unwohl, als sie verkauften, hatten sie so wenig herzliche Bindung zu ihrem Hund, dass sie ihn einfach zurückließen. Auf deine Frage: «Warum sollte projiziertes Leben im Hirn, was der Ausbeutung dient falsch [sein]?» Hier dreht sich mir ganz ehrlich der Magen um und es ist nur meiner Professionalität zu verdanken, dass ich eine begründete Antwort versuche: Empathie, Mitgefühl, Solidarität sind lebenswichtige Grundbedürfnisse sozialer Wesen - von Hunden wie von Menschen! Auch andere Tiere und Tierarten zeigen dieses Bedürfnis. Dem zu entsprechen und emotionale Wärme auszustrahlen schafft ein Wohlgefühl bei den Mitwesen und wirkt als ein ebensolches wieder auf einen selbst zurück. Ausbeutung, Gewalt, Vergewaltigung, Versklavung erzeugen Stress bei Tätern und bei ihren Opfern erst recht. Dieser Stress ist nicht zuletzt auch mit Angst verbunden, dass die Opfer sich irgendwann rächen könnten. All dem ist ein Leben unter dem Motto «Leben und leben lassen» weitaus angenehmer für alle. In der MATRIX geht es genau um diese Frage: nimmst du die blaue Pille, bleibst du im System der Illusionen, nimmst du die rote Pille, beginnt für dich der schmerzhafte Ausstieg aus dem Apparat. Ich habe mich über die Bedeutungsverdrehung in einer vorangehenden Frage aufgeregt, weil die Frage das Problem völlig verkennt und blaue Pille zur Zukunftspille und die rote für die Reise in die Vergangenheit nimmt. Mit Verlaub, das fand ich sehr dämlich! Die Frage stellt sich denjenigen, die widerständig werden, dass mit ihrem Widerstand das bequeme Existieren in der illusionären Blase endet und ein Lebenskampf beginnt. Sollte man da nicht besser den Kopf in den Sand stecken und in der Blase weiterhin das Leben führen, was andere für "falsch" halten. Subjektiv könnte es das richtige sein. Diese Haltung prägt ja auch unsere Gegenwart. Das Ausbeutungssystem aber lässt sich nicht strikt ignorieren, die Ignoranz rächt sich: Stress, Depressionen, Neurosen, Psychosen, Angst, Krebs, Burnout, oder Kriege, eine ökologische Katastrophe. Der Hund strebt übrigens nichts an, sondern muss sich orientieren und zu sich selbst finden, nach einer Weile bei seinem neuen Herrchen, strahlt er Glück aus, es geht ihm besser.

Warum sollte projiziertes Leben im Hirn, was der Ausbeutung dient falsch sein? Ist falsches Leben nicht auch Leben und damit grundlegend NICHT falsch? @DerBilal

Ich habe ja geschrieben, dass mir bei dieser Frage sich der Magen umdreht! Ja, und nun muss ich aber sagen: dir ist doch damit die gute Provokation bestens gelungen! Wir können auch als advocatus diaboli fragen: warum nicht Mord und Totschlag? Warum nicht Diebstahl? Vergewaltigung? Krieg? Raub und Überfall? Zerstörung und andere Lebewesen quälen? Spinnen Beine ausreißen oder Fliegen die Flügel ausreißen? Kennt das nicht fast jedes Kind? Und Marquis De Sade? Ja, sollen wir denn gar nichts von ihm gelernt haben? Quälen und leiden lassen kann so schön sein! Ist es kein "richtiges Leben", wenn Folterknechte in Folterkammern der Diktaturen Oppositionelle foltern? Warum gehorchen die nicht aber einfach auch, sondern spielen sich als Oppositionelle auf? Ist es denn nur ein "richtiges" Leben, wenn man sich gegen Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung stemmt? Ist es kein richtiges Leben, wenn man Menschen öffentlich auspeitscht, auspeitschen oder ihnen Hände abhacken lässt? Das ist doch nicht grundlegend falsch, oder? Habe nicht gerade ich selbst höchstpersönlich noch geschrieben, dass "richtig" hier nicht unbedingt nur als "moralisch richtig", ethisch gelesen werden muss?

Wir können erstens die Frage weiter zuspitzen: wie begründet sich Ethik, wie begründet sich Moral eigentlich? Warum also Ethik und Moral?

Zweitens können wir doch glasklar feststellen, dass die Welt doch all die oben erwähnten Dinge lebendig und in Farbe präsentiert und für uns bereithält. Wozu also das Herummoralisieren?

Es muss doch auch eine Philosophie der blauen Pille geben dürfen!Gibt es! Und mit Denkverboten und Tabuisierungen kommen wir dem Ganzen meiner Meinung nach auch aus der Sicht der Philosophie der roten Pille nicht bei! Also egal, ob sich Herrn Bülbül der Magen umdreht oder nicht! Man wird ja mal fragen dürfen! Absolut richtig!Arthur Schonpenhauer schrieb ein Buch über die Grundlagen der Moral und kommt letztlich an den Punkt, dass der moralische Grundsatz, als Maxime, heißt: «Was man nicht will, das man dir tu', das füge keinem anderen zu!» Und warum soll man diesen Satz beachten? Damit man im Leben richtige Entspannung findet. Und warum ist Entspannung wertvoll? Weil sich dadurch das Leben angenehmer und üppiger entfaltet. Man keine Ängste zu haben braucht und Ängste einen immer beschneiden und behindern. Das Leben strebt nach Wohlbefinden! Und das Leben ist ultima ratio condotio sine qua non!

Hoppla! Kommt dir das jetzt Spanisch vor :))) Ist Latein zusammengefügt aus zwei Redewendungen. Das letzte Mittel (der Begründung) eine Bedingung, ohne die nichts geht.Monotheistische Religionen versprechen sogar ein Leben nach dem Tod auf ewig, wenn man zuvor alle ihre Regeln brav erfüllt. Sonst würde ja auch niemand für hehre Ziele sterben wollen - wäre niemand zum Verheizen da!

Redet ihr viel oder seid ihr eher der zuhörer??? (Pauline @Pauline56449)

Ich meine, ich kann auch gut zuhören, zumal ich auch gerne zuhöre. Aber manchmal rede ich doch tatsächlich mehr als ich zuhöre, vor allem dann, wenn das Publikum kein Mikrofon hat. Ich reagiere aber sehr gerne auf Zwischenrufe. Improvisiertes Philosophieren vor Publikum hier Folge 1. Zwei weitere Folgen sind auf meiner Homepage und die 4. Folge kommt am 12. August pünktlich zum Vollmond. Wäre ich ein Wolf, könnte ich den Vollmond anheulen, als Philosoph muss ich ihn anquatschen. Worum geht es? Ich versuche einen Paradigmenwechsel in der Kultur in Gang zu setzen, zu beschleunigen oder zu initiieren - das hängt davon ab, wie man die Gesamtlage der Kultur einschätzt. Paradigmenwechsel ist nichts, was man individuell schaffen kann, nur weil es einem halt mal in den Sinn gekommen ist und man es für ganz toll und wichtig erachtet. Paradigmenwechsel ist ein gesellschaftliches Phänomen und hängt von der gesellschaftlichen Atmosphäre und Stimmungsentwicklung ab. Paradigmenwechsel sind irreversibel. Wechselt das Paradigma einmal, kehrt man zum alten Paradigma nicht mehr zurück.Den Begriff des Paradigmenwechsels habe ich von Thomas S. Kuhns wissenschaftshistorischem Buch «Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» entlehnt. Ich meine, man kann auch in der Kulturtheorie/Kulturphilosophie sehr viel damit anfangen, wenn man sich ein deutliches Bild davon gemacht hat, was man unter «Kultur» verstehen kann. Das ist nicht ganz einfach, weil man vieles in der Kultur als selbstverständlich hinnimmt und das Selbstverständliche einem nicht bewusst wird, sondern dem Bewusstsein verborgen bleibt. Das Selbstverständliche muss etwas von seiner Selbstverständlichkeit verlieren, um in den Blick zu rücken. (Vgl. Hans-Georg Gadamer)

Ein Paradigma ist ein «Normalverhalten», das man selbstverständlich macht, wenn man eine bestimmte Sache betreibt; wenn man krank ist, geht man zum Arzt, zur Apotheke mit dem verschriebenen Rezept usw. oder wenn man etwas lernen will oder muss in die Schule, befolgt dort die Regeln, macht Prüfungen, erhält Zeugnisse; wenn man einen Film sehen will, geht man ins Kino oder ... und da findet schon eine Verschiebung statt: schaut man NETFLIX. Man kann sich also die große Auswahl der Filme nachhause holen auf den Bildschirm und muss nicht mehr in ein Multiplexkino, um eine Auswahl von 10-20 Kinofilmen zu haben. Thomas S. Kuhn hat das normalwissenschaftliche Verhalten von Menschen untersucht, die eben Wissenschaftler sein und Wissenschaft betreiben wollen. Sie alle folgen einem «Normalverhalten», das man auch beispielhaft lernen kann (daher der Ausdruck «Paradigma»). Und dann kommt es zu Entwicklungszuständen, die man mit «normalem Verhalten» nicht mehr in den Griff bekommt. Erst versucht man das noch mit etwas verändertem Verhalten aber immer noch nach der alten Form und dann irgendwann, wenn das auch nicht mehr klappt, ändert sich das Paradigma. Der Wechsel von klassischer Mechanik zur Quantenphysik zum Beispiel.

Mein Paradigmenwechsel?

«Man kann uns nicht verübeln zu existieren, weil wir einfach da sind. Folglich gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt Moralvorstellungen, Gesetze und Gewissen. Doch sind das keine vorgegebenen Konstrukte, sondern "künstlich" erschaffene.» Darüber gilt es nochmal nachzudenken °-° (Uri)

@DerBilal:
Vermutlich widerspreche ich Gesagtem oder Gedachtem von vielen schlauen Personen vor mir, die diese Themen behandelt haben. Vielleicht eckt meine Denkweisen an, weil sie schon widerlegt wurde oder ist überhaupt nicht wertvoll sondern Bockmist. Eine Frage war unter Anderem: "lebst du richtig?"

Woraufhin sich mir die Frage aufwarf, wer denn entscheidet, was richtig oder falsch ist. Darauf hat die Frage im Endeffekt auch abgezielt, wie ich annehme.

Im System-/Matrixkontext könne das Leben im System nicht richtig sein, weil das System selbst falsch sei. Mir fällt es schwer, mir solche abstrakt erscheinenden Fragen pragmatisch zu beantworten, wie du mir versucht hast nahezulegen. Nur fehlen mir vielleicht andere Ansichten, da ich mich nicht mit philosophischer Literatur, Geschichte oder dem philosophieren selbst des philosophieren Willens befasse. Oder Lebenserfahrung. Oder Intelligenz.

Wie dem auch sei, für mich habe ich schlussgefolgert, dass der Ursprung des Lebens nicht mit einer Bedienungsanleitung daher kommt, sondern sich z.B. die Moral, das Gewissen und was es nicht sonst so alles gibt entwickelt hat. Natürlich haben wir nicht einfach das Wort Moral erfunden und anschließend definiert, was moralisch und unmoralisch ist. (Oder doch?) Für mich ist Moral erstmal intuitiv. Was dann für mich heißt, dass mein Richtig/Falsch für jemand anderen nicht auch genauso gelten muss. Ist jetzt der erste Teil meine Aussage für dich problematisch oder der zweite?

Irgendwie hänge ich beim verfassen dieser Antwort fest und komme immer wieder zum selben Punkt: Ich bin ich, weswegen nichts und niemand die höhere Macht besitzt, für mich zu entscheiden, was wahr ist.

Ich konnte aus deiner Antwort nicht genau herauslesen, wogegen du dich sträubst. Ich suche lediglich einen philosophischen Dialog mit dir. Du wirst weder nach Wissen abgefragt noch beurteilt. «Philosophisches Wissen» ist m.E. ein Widerspruch in sich. (Uri)

@DerBilal:
Okay, fair.
Wenn mir jemand, der sich scheinbar Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigt sagt "Hey du, denk nochmal nach, was du da gesagt hast", dann ist das für mich so, als würde mich meine Kunstlehrerin fragen, ob mir meine Zeichnung, die ich gemalt habe selber gefällt. Es löst Unsicherheit aus und lässt mich zweifeln.
"oh Weia, habe ich wirklich so großen Bullshit gelabert?""Ich suche lediglich einen philosophischen Dialog mit dir." Dass du das Erwähnen musst, lässt mich mutmaßen, dass für dich der Eindruck besteht, ich antworte dir widerwillig. Ja, es ist manchmal anstrengend sich ne halbe Stunde oder 3 hinzusetzen, über deine Fragen nachzudenken und eine Antwort zu verfassen.

Aber es macht schon gewissermaßen Spaß und lässt mich zudem eine Meinung zu Dingen entwickeln, wo sonst kein anderer Impuls für Interesse bestünde.

Meist trete ich inhaltlich auf derselben Stelle herum, wo für mich dann die Herausforderung darin besteht, diese Gedanken zu reflektieren.Ursprung dieses Ganzen ist ja die Frage mit dem Adorno-Zitat
«die Welt in der wir leben», sagt @Herzenskind89 in eurem Dialog, ich habe mich vor einigen Tagen mit Adornos Satz konfrontiert gesehen: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Leben wir wirklich in der Welt? Oder leben wir im System? Und lebst du richtig? Ich meine: lebst du wirklich?
oder wenn man es genau wissen will, der Dialog ein paar Fragen vorher mit @Herzenskind89. "... Kein richtiges Leben im falschen", "System", "Matrix", und so weiter. Für mich alles Begrifflichkeiten, die ich von oben herab betrachte, da sie mir (wie so oft erwähnt) abstrakt erscheinen.

Meine Position ist ja, dass wir irgendwie Organismen in einer großen weiten Leere sind, in der ich mir nicht vorstellen kann, dass es von Grund auf irgendwelche Regeln gibt.Ich weiß selber nicht, ob ich mich hier gegen etwas sträube, jedenfalls tue ich es nicht bewusst.

Die Fragen waren (aus meiner Sicht) übrigens nicht rein provokativ gestellt, sondern gezielt aus gegenteiliger Sicht um deinen Ansatz kennenzulernen. Dadurch biete ich natürlich Angriffsfläche und Interpretationsraum zu meiner Person, jedoch sind die Fragen nicht unbedingt meine Position. (@DerBilal)

Wir sind im Klaren und im Reinen, deine letzte Antwort auf meine letzte Frage ist aktuell und zutreffend (Siehe oben!); https://ask.fm/DerBilal/answers/170798029128 diese deine Bemerkung eigentlich schon veraltet, aber doch wert, aufgegriffen zu werden, enthält sie doch eine persönliche Erklärung und Positionierung. Wir präsentieren uns natürlich hier öffentlich und dadurch auch persönlich angreifbar - aber wir beide sind auf der Bühne, du und ich. Und was wir an Bullshit vermeintlich produzieren, entscheiden nicht wir, sondern andere für sich über uns. Das ist einfach so akzeptabel für Menschen in der Öffentlichkeit. Man könnte doch auch meinen: «was für ein Bullshit, wie dieser alte Sack, sich mit seinen jahrelangen Erfahrungen zum Straßenphilosophen erhebt und den jungen Bilal drangsaliert!»Wir schreiben und sagen, was uns in den Sinn kommt und so gut wir das eben sagen können und eines muss nun unbedingt aufgegriffen und gesagt werden. Du schreibst: «Wenn mir jemand, der sich scheinbar Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigt sagt "Hey du, denk nochmal nach, was du da gesagt hast", dann ist das für mich so, als würde mich meine Kunstlehrerin fragen, ob mir meine Zeichnung, die ich gemalt habe selber gefällt.» Dieses Beispiel hat mich sehr berührt! Ja, du hast natürlich recht: ich beschäftige mich in der Tat Tag und Nacht mit den Dingen, die wir hier diskutieren. Ja, es ist auch sehr eigennützig von mir, dich dazu zu motivieren, auf diese Themen einzugehen. Ich erhalte für mich sehr wertvolle Außenperspektiven und schmore nicht im eigenen Saft meiner Gedanken. Es muss aber ein Geben und Nehmen sein; du sollst auch etwas davon haben: Spaß und neue Gedanken und Perspektiven, eine Stärkung wie auch immer gearteter Art - das wünsche ich Dir nicht nur, das bin ich Dir auch schuldig!Was mich besonders berührt hat und zum weiteren Nachdenken bringt, wozu ich dringend ganz ausdrücklich etwas sagen muss: Die Schule hat uns alle verdorben! Ich bin als Kulturphilosoph ein absoluter und radikaler wie totaler Schulgegner! Unter dem Motto «Ohne Schule Lernen denken» hatte ich mal vor über einem halben Jahrzehnt hier auf ask.fm eine Umfrage gestartet und erfahren müssen, dass niemand dazu in der Lage ist! Die Schule sitzt uns tief in Mark und Bein, im Fleisch und Blut!Wenn ich nun als ein solcher Kulturphilosoph für eine Entschulung der Gesellschaft und Kultur eintretend mit einer Lehrerin verwechselt werde oder dich an sie erinnere, dann muss ich mal an meine eigene Nase fassen! Ich muss mich vorsichtiger ausdrücken und danke dir für deinen Hinweis! Denn so lehrerhaft würde kein philosophischer Dialog zustande kommen. Wir hätten nur die platonischen Pseudo-Dialoge. Für mich ist eine Kreisbewegung des Denkens sehr elementar - auch beim eigenen Denken! Ich lese mein Geschriebenes immer wieder neu und deines auch! Das ist ein ganz sachlicher Prozess und gut für die Philosophie! Die Schule ist der Tod jeglicher Erkenntnis - auch der philosophischen!

Nicht nur an @DerBilal gerichtet: Wenn man so wie ich die philosophische Kommunikation sucht und Menschen in diese verwickelt wie einst Sokrates, offenbart man Denkschwächen, Lücken, unreflektierte Meinungen, gewohnheitsmäßige Denkhaltungen usw. usf. - an sich selbst und an anderen!

(Uri Bülbül)
2. August 2022

Da läuft man recht schnell Gefahr, dass die Eitelkeit Kratzer bekommt. Das Ego mit seinen Annahmen, vermeintlichen Gewissheiten, Sicherheiten hier und da erschüttert wird. Aber genau das macht Philosophieren aus! Wir begeben uns in eine zwanghafte Paradoxie, wenn wir Sport treiben aber dabei so wenig schwitzen möchten wie nur möglich. Die Frisur soll sitzen, alles soll leicht und gut aussehen - nur nichts tun, was nach Anstrengung riecht, was unser Ego mal in einer Schieflage zeigt. Denken ohne Selbstoffenbarung. Sport ohne Schwitzen, Tanzen ohne Bewegung. Immer nur das Treffende und Richtige sagen, immer eine gute Figur machen!Diese geistige Zwangsjacke ist natürlich nicht neu. Sokrates begegnete sie in Athen auf dem Marktplatz und auf den Straßen, wo er Menschen in Gespräche verwickelte. Das machte ihn nicht beliebt - nicht bei vielen zumindest! Gerade Honoratioren, die Wert auf ihre äußere Erscheinung legen und davon ihren Status quo abhängig sehen, möchten nicht schwitzen, stöhnen und zugeben, dass nicht alles leicht von der Hand geht, und wo gehobelt wird, auch Späne fallen und jeder denkende Mensch auch Fehler macht!Einige Menschen haben natürlich auch Sokrates' Treiben mit Schadenfreude und Häme beobachtet, wenn es andere Honoratioren traf, nur nicht sie selbst! Das ist eine besonders gemeine Heuchelei! Bei anderen mit besonders großer Häme und Schadenfreude beobachten, was man an sich gar nicht gerne haben möchte. Dieses Wohlwollen Sokrates gegenüber, wie schön er andere vorführt, ist gewiss ein heuchlerisches und falsches Wohlwollen und hat mit der Freundschaft zur Weisheit, was ja Philosophie schon allein dem Wortsinn nach enthält, nichts zu tun! Das sind falsche Freunde. Sie tun anderen nicht gut und sich selbst auch nicht. Denn sie leben und bleiben in der Zwangsjacke, immer gut aussehen zu müssen. Geistige Freiheit sieht anders aus.Daneben gibt es die Sokrates-Schüler und da frage ich mich, ob Platon sich, den Schülern und Sokrates einen Gefallen mit seinen aufgeschriebenen Dialogen getan hat! Sie agieren wie Holzpuppen, sie sind Marionetten, die an den Argumentationsfäden des Sokrates hängen, sie lassen nicht durch freie Assoziationen, Missverständnisse oder individuelle Sichtweisen neue Horizonte, Gedankengänge und Ideen aufkommen. Sokrates bleibt der Alleinherrscher der Argumentation, der Tyrann des Gedankengangs. Und da stelle ich mir natürlich die Frage, ob Aufklärung so überhaupt funktionieren kann oder ob vielmehr ihr Scheitern nicht schon vorprogrammiert ist. Am Ende einer philosophischen Kommunikation sollte niemand bei seiner alten Position geblieben sein. Das sehe ich als Aufklärung im Sinne von Aufhellung. Das Motto ist und bleibt: durch Lehren lerne ich! Allein schon, wenn ich einen Gedanken kommuniziere, bleibt er sich selbst nicht gleich. Das wäre mal eine «Dialektik der Aufklärung», die ich akzeptieren könnte. Nicht ich kläre jemanden auf, sondern ES klärt sich etwas für alle, alle haben was davon. Es tagt.

«Wenn mir jemand, der sich scheinbar Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigt sagt "Hey du, denk nochmal nach, was du da gesagt hast", dann ist das für mich so, als würde mich meine Kunstlehrerin fragen, ob mir meine Zeichnung, die ich gemalt habe selber gefällt. Es löst Unsicherheit aus...» (Uri Bülbül @Klugdiarrhoe)

2. August 2022

...und lässt mich zweifeln», schreibt @DerBilal Das berührt mich sehr, daran muss ich einfach noch einmal anknüpfen. Ich schrieb übrigens:
«Man kann uns nicht verübeln zu existieren, weil wir einfach da sind. Folglich gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt Moralvorstellungen, Gesetze und Gewissen. Doch sind das keine vorgegebenen Konstrukte, sondern "künstlich" erschaffene.» Darüber gilt es nochmal nachzudenken °-°
ES gilt darüber nachzudenken: Nicht DU sollst darüber nachdenken und schon gar nicht ALLEIN!Kurz verweile ich noch einmal an meiner Ausführung zu den Sokrates-Dialogen, die Platon verfasst hat. Man spricht so gemeinhin von philosophischen «Schulen» und von «Sokrates und seinen Schülern»! Aber weckt das nicht vollkommen falsche Assoziationen bei uns modernen Menschen? Wir alle haben heutzutage irgendeine schulische Laufbahn hinter uns oder stecken mitten drin; wir alle haben Erfahrungen mit Schule. Aber es ist gewiss etwas anderes gemeint, wenn von einer «philosophischen Schule» die Rede ist. Natürlich vertreten Philosophen etwas, was man auch gemeinhin eine «Lehrmeinung» nennen kann. Bestenfalls werden sie begründet, argumentativ belegt, es werden Thesen aufgestellt, Beispiele und Belege gesucht usw. usf. Aber immer entstehen dabei auch stillschweigende, unsichtbare Voraussetzungen, Selbstverständlichkeiten in der völligen Unsichtbarkeit, latente Implikationen. Dieser Ausdruck «latente Implikation» ist keine Tautologie, sondern soll auf die besondere Verborgenheit des Selbstverständlichen hindeuten, was sich gar nicht leicht explizieren lässt, da es meist völlig unbemerkt bleibt. Dagegen gibt es deutlich weniger unsichtbare Implikationen. Wenn man zum Beispiel von einem «Kreis» spricht, muss man nicht immer wieder betonen, dass alle Punkte der Kreislinie vom Mittelpunkt gleich weit entfernt sind, das ist selbstverständlich und nicht latent, sondern implizit im Begriff des Kreises und es ist auch klar, dass man nicht einen solchen geometrischen Kreis meint, wenn man von einem «Gesprächskreis» spricht..Aber was genau ist gemeint, wenn von einer «philosophischen Schule» die Rede ist? Und würde das überhaupt auf Sokrates zutreffen? Eine Schule noch im freieren Sinne als heute, aber davon nicht prinzipiell verschieden, ist eine ideelle Entität des organisierten Wissens. Es wird kanonisiert, ein Kompendium erstellt, eine Technik zur Anwendung vorbereitet und vermittelt. Bei Sokrates ist das die Mäeuotik, die Hebammenkunst, da jeder mit der richtigen Erkenntnis selbst schwanger geht und ihm nur geholfen werden muss, diese hervorzubringen, so die sokratische Schule. Immer mehr Fragwürdigkeiten tauchen auf und werden nicht beseitigt.Mir sind hier zwei Punkte wichtig: 1. Gedanken gehen ganz natürlich im Kreis, man kommt immer wieder an Ausgangspunkte zurück, hat sich aber weiter- oder höher geschraubt, weil kein Gedanke beim zweiten Mal Denken derselbe ist! 2. wir sind nicht in einer modernen (heutigen) Schule!

«Meine Position ist ja, dass wir irgendwie Organismen in einer großen weiten Leere sind, in der ich mir nicht vorstellen kann, dass es von Grund auf irgendwelche Regeln gibt.» M.E. sind wir damit existenziell weitergekommen. Ich werde versuchen zu erklären, was ich meine, aber du kannst es parallel:

Bilal schreibt dazu:
Stand: 08. August 2022
Ich werde auf deine Frage noch eingehen. Dazu möchte ich mir Zeit nehmen, in der ich Ruhe habe und versuchen kann, dir eine adäquate Antwort zu geben. Momentan passt es leider nicht

«Irgendwie hänge ich beim verfassen dieser Antwort fest und komme immer wieder zum selben Punkt: Ich bin ich, weswegen nichts und niemand die höhere Macht besitzt, für mich zu entscheiden, was wahr ist», schreibt @DerBilal und ich frage mich nicht: was ist Aufklärung? Sondern... (Uri Bülbül @Klugdiarrhoe)

...was sind die neuralgischen Punkte der Aufklärung? Bei Platon ist alles so voller Selbstverständlichkeiten: das Gleichnis der Höhle evoziert schon alles - eine ganze Metaphysik. Die Menschen sind unter Tage und Licht bekommen sie nur von einem Feuer, und es ist doch so klar, dass das Licht des Feuers niemals so schön und strahlend sein kann wie das Licht der Sonne. Und natürlich ist der freie Himmel voller Sterne in der Nacht und bei Tag blau und klar und mit Sonnenschein der Höhlendecke vorzuziehen. Alles spricht für sich. Und genau das ist die größte Anti-Aufklärung, die Platon betreiben kann und betreibt. Er suggeriert eine ganz natürliche und selbstverständliche Ordnung, worin die Wahrheit liegt. Diese Ordnung ist wahr und wahrhaftig. Und darin sind die Menschen als erkennende Subjekte unterschiedlich positioniert. Aber selbst diese unterschiedliche Positionierung wird nicht thematisiert. Erstens ist die Suggestivkraft des Höhlengleichnisses ein Riesenproblem und neuralgischer Punkt; zweitens die unterschiedlichen Positionen: wer bewacht und schürt das Feuer? Wer hat die Mauer gebaut oder bauen lassen? Wer sind die Träger der Gegenstände? Was ist ihr Selbstbewusstsein? Höchstwahrscheinlich wissen sie gar nichts von den Menschen jenseits der Mauer weiter unten in der Höhle, die mit dem Rücken zu ihnen gefesselt sitzen und auf die Höhlenwand zu schauen gezwungen sind. Drittens: warum lösen sich bei einigen wenigen Menschen die Fesseln, so dass sie sich umdrehen und dann auch aus der Höhle hinaus klettern können? Diese Punkte würden den Verfasser der "Politeia" zu tatsächlich politischen Fragen führen. Platon zieht es hingegen selbst vor, in seinem Höhlengleichnis in der Höhle zu bleiben. Er spricht von Aufklärung, betreibt aber keine Aufklärung! Viertens wir müssen unser Verständnis von "Aufklärung" reflektieren. D.h. wir müssen nicht einfach nur essenziell fragen: was ist Aufklärung? Sondern einmal konkret: meinen wir mit "Aufklärung" eine Epoche, die historisch begrenzt ist und damit auch hinter uns liegen und liegen gelassen werden kann? Oder meinen wir mit Aufklärung das Versetztwerden in einen neuen Bewusstseinszustand von gesellschaftlicher und politischer Tragweite? Ein Bewusstseinszustand, der uns in ganz neue Erkenntnisprozesse führt und in uns eine ganz neue Erkenntnisatmosphäre schafft? Darin können wir uns wieder gut an Platons Gleichnis anlehnen: wer einmal gesehen und erlebt hat, was es außer der Höhle noch alles gibt, wird das schwerlich vergessen können und wieder so leben, als habe er das alles gar nicht zur Kenntnis genommen. Dazu braucht er eben wie in der MATRIX, dem Film, die blaue Pille des Vergessens. «Du nimmst die blaue Pille, und es hat für dich nie etwas anderes gegeben als das Sein in der Höhle mit den an der Wand vorbeiziehenden Schatten.» Aber eigentlich wird, was wahr ist bzw. als wahr erkannt wird, nicht vorgeschrieben oder entschieden, sondern eben einzig und allein erkannt.

In welcher Fantasiewelt (egal ob buch, film oder eigene gedanken) würdest du am liebsten einen Tag verbringen?
sxsxia_bln

10. August 2022

Es müsste schon sehr gewährleistet sein, dass ich da wieder herauskomme und nicht darin hängen bleibe. Es gibt da eine Welt, die ich mir gerne ansehen und vor allem mit den Leuten reden würde: In der MATRIX im Raumschiff des Morpheus: Nebuchadnezzar, sie wird als ein Raumschiff, eine Hovercraft des Widerstandes, bezeichnet. Die Sache ist die, dass ich selbst in einem fantastischen Raumschiff des Widerstandes sitze - diese Kulturlaube heißt, sich in einem Kleingarten befindet und zugleich Abenteuer der Ideen und Ruhe und Kraft als Hochburg der seelischen Energie ist. Ich bin angekommen, obwohl man sich das kaum einzugestehen und dann auch noch offen auszusprechen traut. Man tabuisiert das Gute, das einem selbst widerfährt bzw. das in mir über lange Jahre, Jahrzehnte des sehnsüchtigen Suchens und Strebens, Irrens und Verirrens widerfahren ist! Meine eigene Hovercraft des Widerstandes, meine Nebuchadnezzar heißt Kulturlaube! Darin habe ich mich mit meinem besten Freund und Begleiter und seinem Wahlbruder als Gast verschanzt und operiere von hier aus, soweit meine seelischen Kräfte reichen. Das ist momentan meine seelisch-ontologische Situation. Rückzugsort und Operationsbasis zugleich ist mein Raumschiff die Kulturlaube. Das ist fantastischer als fantastisch, weil für mich absolut real. Mich willst du nun mit dieser Frage, die ja nicht persönlich gemeint ist, sondern in die Matrix gepostet wurde, aus meiner Burg in eine Welt locken, die nur aus der Sicht der in der Matrix Lebenden eine Fantasiewelt ist. Aber natürlich kann man nur locken, wo auch eine Verlockung ist! Und etwas verlockend ist es schon, Kapitän Morpheus kennenzulernen und sich seine Klapperkiste des Widerstandes anzuschauen. Was aber, wenn ich von dort aus nicht mehr in mein eigenes Schiff des Widerstandes zurückkehren kann? Ich denke seit gut zwei Wochen ständig und inständigst über die Matrix und die beiden Pillen nach: Nimmst du die blaue Pille, kehrst du in deine Illusionshöhle der Sklaverei zurück und hast vergessen, was du je zuvor erlebt hast: dass die Höhle nicht die wahre Realität ist und du um dein Leben beschissen wirst! Denn wer einmal außerhalb der Höhle war, außerhalb der Matrix also, kann nicht mehr in der Matrix leben, als habe er alles andere nicht gesehen und erlebt. Es sei denn, es wird ihm vergessen gemacht - durch die blaue Pille.Was aber bietet einem nun die rote Pille des Kapitän Morpheus auf Nebuchadnezzar? Du bleibst in der Welt des Widerstands, bar der Illusionen und des vorgegaukelten heilen Lebens und kämpfst, und kämpfst und kämpfst um deine Freiheit. Und die rote Pille ist wie eine Vitamin- oder Adrenalinspritze, damit du durchhältst! Es kann dich Diskriminierung, Verhaftung, Folter, Gefängnis, Tod erwarten. Das ist der Preis der Freiheit, würde wahrscheinlich Morpheus sagen. Er ist ja auch ein Filmheld! Ich hingegen in der vollen Wirklichkeit des Lebens zurückgezogen auf mein Raumschiff Kleingarten!
 
 
Uri Bülbül
Literat und freier Philosoph
• c/o KulturAkademie-Ruhr • Girardetstraße 8 • 45131 Essen