Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 
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Auf der Suche nach einem Mittel der Wahrnehmung

 Uri Bülbül: ...und die 40 Thesen...





Das Glück ist das Aufgehen der Seele im Lebendigen des Lebens!

So definiere ich das Glück und hoffe, dass deutlich wird, wie sich subjektive und objektive Welt miteinander verschränken. Die Begriffe lassen eine Offenheit zu, die notwendig ist, um dem Glück gerecht zu werden.

Diese Offenheit wäre zum Beispiel nicht gegeben, wenn ich sagen würde: «Glück ist, wenn dir alles gelingt, was du dir vornimmst und was du begehrst.» Das hat zwar auch eine Offenheit in der Formulierung «alles, was...» Aber auch eine Festlegung in der Formulierung «gelingt». Glück an das Gelingen anzuknüpfen zum Beispiel halte ich für einen Fehler. Denn auch das Misslingen von Vorhaben kann glücklich machen und zu unerwarteten Dingen führen. Also suche ich eine begriffliche Bestimmung in der Unbestimmtheit des Glücks. Diese Offenheit ist essentiell.

Was aber soll nun das «Lebendige des Lebens» sein? Ich habe im Hintergrund den Gedanken, dass es im Leben zwei Kräfte gibt: Kräfte der Zerstörung und des Tödlichen und Kräfte der Lebensförderung und Stärkung. Warum auch immer, ist das Leben offensichtlich nicht ohne beides in Einheit zu haben. Elan Mortal und Elan Vital nenne ich sie mal. Sigmund Freud sprach davon, dass jeder «Trieb» bei Verhinderung der Erfüllung in eine destruktive/aggressive und in eine konstruktive/erotische Komponente zerfalle. Also aus diesen beiden Komponenten bestehe. Ich kann mich dem anschließen, möchte aber eine Alternative zum Begriff «Trieb» haben.Das Lebendige des Lebens macht nun alles aus oder ist das Ergebnis dessen, was die erotische, konstruktive, produktive Komponente hervorzubringen vermag. Elan Vital! Nun aber kann ich abenteuerlich mich fragen, ob nicht auch der Elan Mortal glücklich machen kann.

Sich mit diesen Dingen beschäftigen zu können, empfinde ich als einen großen Glücksfall. Das fügt sich in meine einheitliche Subjekt-Objekt-Welt. Und ich bin Dir sehr dankbar dafür, dass du einen Teil dieser Welt ausmachst und von außen mir Impulse einreichst - objektive Impulse, die es nicht geben könnte, wenn es mich nicht gäbe! Also bist du auch ein Teil meiner subjektiven Welt.



Man kann in der Tat, auch dort, wo du dich in Phrasen in Sicherheit wiegst, Philosophie von Pseudophilosophie unterscheiden! Also erst denken, dann schreiben! Mit deinem ersten Satz versaust du dir dein Image des philosophierenden Ask-Users! «Ist der Anfang die letzte Ursache oder die erste Wirkung?» ist schlichter Quatsch! Als ob alle Ursachen erst und dann alle Wirkungen kämen! Und als ob der Begriff der «Wirkung» nicht schon voraussetzte, dass etwas vor ihr sei. Hört sich schlau an, deine Eingangsfrage, ist aber Unsinn! Dann aber wird deine Frage doch noch interessant: der Gedanke ist, dass der Anfang des Kreises gar nicht in sich liegen muss. Man könnte so etwas formulieren wie: der Zirkel ist der Anfang aller Kreise ;) So kommen wir wenigstens in eine Henne-Ei-Diskussion. War nun der Zirkel zuerst da und ist damit der Anfang oder die Idee des Kreises, die um möglichst vollkommen visualisiert zu werden, den Zirkel als Werkzeug dazu hervorbrachte? Der Anfang des Kreises könnte somit in der Geometrie als Wissenschaft liegen.

Wenn wir Platons Ideenlehre als das Denken der Welt der Ideen als die Vierte Dimension denken, können wir auch den Zirkel als eine Emanation aus der Vierten Dimension verstehen. In dieses Gedankenkonstrukt aber bekomme ich deine Formulierung «Hat jedes Ding in jeder Dimension einen anderen Beginn?» nicht ganz unter. Wieviele Dimensionen möchtest du noch denken außer der Vierten Dimension? Es sprengt zwar meine beschränkte Vorstellungskraft, aber wenn es n Dimensionen gibt, könnte es auch n Ursprünge geben. Und jede Dimension würde als Ursprung für das Ding ein anderes Wesen konstituieren. Denn Anfänge, Ursprünge, Gene und Genesis sind ja nur deshalb bedeutsam, weil man darüber das Wesen einer Sache zu bestimmen sucht und damit eigentlich im Aristotelismus hängen bleibt. Ich sehe den Aristotelismus als einen zu engen Schuh an. Etwas hegelianisch klingt es doch, wenn ich statt dessen sage: das Wesen ist das Unwesentliche. Die Dinge mutieren, metamorphieren, verändern Aussehen und Charakter, alles fließt, nichts bleibt sich selbst gleich - Identität und Wesentlichkeit, die ja darauf basiert, sind begriffliche Fotoaufnahmen begrifflicher Art wie Fotoaufnahmen eines Sportereignisses: im Kopfballduell springen zwei Fußballer hoch, alle Muskeln angespannt, die Halsschlagadern hervortretend, Gesicht verzerrt: Klick - das Bild ist festgehalten, die Realität aber ist weitergegangen. Nun können wir anhand der Fotografie über das Wesen der Fußballer, des Kopfballs oder des Fußballspiels an sich philosophieren - wie sinnvoll ist das in welcher Dimension? Ein Gegenargument aber könnte auch für den Essentialismus genannt werden: Gene und Genese sind ja nicht vollkommen unwichtig. "Ein Buch ist ein Spiegel, aus dem kein Apostel herausgucken kann, wenn ein Affe hineinguckt." (Lichtenberg) Wenn Affen lange genug mutieren, werden sie vielleicht zu Aposteln und wenn Apostel lange genug mutieren, zu ... ???
 
 
Uri Bülbül
Literat und freier Philosoph
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