Uri Bülbül | Das Ästhetikum

 
 
 
 
 
24.12.2022


Es kommt nicht darauf an, die Welt zu verändern,
sondern des Menschen Verhältnis zur Welt.



Der Fischer und seine Frau

Teil 1

Es war einmal und es war keinmal - so fangen orientalische Märchen an; doch der Erzähler dieses Märchens selbst entstammt dem Anatolischen Kernland, der Haupstadt der heutigen Türkei, die eine Hauptstadt ist, seit es moderne Staaten gibt, Weltkriege, der Kolonialismus zum Imperialismus wurde und der Globus zu einem Dorf. Der Zeiten und Historie entrückt lebten einst unweit von hier am Mittelmeer womöglich ein Fischer und seine Frau, beide schon gut betagt und ebenso gut in Harmonie und guter Laune und Liebe und waren fast wunschlos glücklich, obwohl ihre Hütte am Meer nicht groß, das Boot schon alt und die Netze so häufig geflickt waren und die Ehe kinderlos. Was das Meer und was ihr kleiner Nutzgarten um ihre Hütte ihnen bescherte, worin zwei Apfelbäume, ein Quittenbaum, zwei Olivenbäume und ein Feigenbaum mit ihnen lebten nebst einem Ziegenpaar, Katzen und einem Hund, der man weiß nicht warum, nur die geneigten Leser mögen es erraten, Tarik hieß wie der Wahlbruder des Erzählers Seelenfreund, der nirgends fehlen darf. Der Erzähler selbst nur Narr, nur Dichter lebt in einem Märchenland, aber nicht von ihm soll nun mehr die Rede sein, sondern von dem Wörtchen «fast» in der Wendung «fast wunschlos glücklich». Denn ja, was fehlte dem alten glücklichen Pärchen denn, wenn sie schon Liebe und Harmonie, ein Dach über dem Kopf, einen Garten drum herum und darin Tiere und Pflanzen hatten wie Bäume, Bohnen, Tomaten, Kartoffeln, Kürbisse? Man mag an Mehl denken und etwas Hefe, um Brot zu backen und damit kommen wir der Sache schon näher.

Die beiden hatten im Laufe der Jahre ihrer Betagtheit ihre Zähne verloren und konnten das Brot nicht beißen, das die Fischersfrau so zauberhaft im Steinofen im Gärtchen zu backen verstand, wenn ihr Mann vom Markt Mehl mitbrachte, was er vom Erlös der Fischverkäufe erwarb. Die Marktgänge des Fischers waren immer von Vorsicht geprägt; er kaufte nicht viel, sparte das erworbene Geld und legte es sorgfältig beiseite, bis er eines Tages zu seiner Frau sprach, als beide es satt hatten, immer nur das Brot in Ziegenmilch getunkt und feucht und weich zu sich zu nehmen: «Liebste Gefährtin mein, wir haben in der Schatulle etwas Geld gespart, lass uns in die Stadt gehen und Maß nehmen für ein Gebiss, denn für zwei wird es nicht reichen! Nun haben wir unser ganzes Leben lang alles geteilt, lass uns gegen Ende auch das Gebiss uns teilen. Ich habe eine Werkstatt für Zähne und Gebisse gesehen - das ist höchstmodern und nennt sich "Dentallabor", da können wir uns wenigstens ein Gebiss machen lassen.» «Dentallabor? Habe ich noch nie gehört. Und die machen Zähne?», fragte seine Frau. «Ja, so ist es. Ich hatte es auch noch nie gehört, aber sie haben am Eingang rechts einen riesen großen Zahn aus Plastik und daran ein Schild, worauf Dentallabor geschrieben steht. Hinter dem Eingang ein Empfang, wo eine junge schöne Frau freundlich lächelnd nach den Wünschen fragt. So war ich bei ihr aus Neugier und fragte, und die erklärte mir alles. Sie fand meinen Wunsch am Ende etwas ungewöhnlich, sie müsse ihren Chaf erst fragen, dieser kam aber im weißen Kittel und mit blauen Handschuhen, hörte sich alles an und sagte: Ja, das können wir machen! Bequem und passgenau wird es wahrscheinlich nicht, aber möglich ist es!» «Mann, Du sprichst in Rätseln! Was hast du denn die junge Dame gefragt?» «Ich fragte nach den Kosten für ein Gebiss und musste feststellen, dass unser Erspartes nur für ein Gebiss reicht, selbst wenn wir etwas Preisnachlass gewährt bekommen. Also fragte ich, ob es denn ginge, dass du, meine Frau und ich, dein Mann, uns ein Gebiss auch teilen können, wie wir uns das Leben so schön geteilt haben. Ja, das ginge theoretisch wohl, wie gesagt, bequem und passgenau werde es wohl nicht für beide, aber Maßnehmen müsste der Dentist schon von beiden. Also müssen Du und ich nun uns auch den Weg in die Stadt zum Markt und Dentallabor teilen!»

Des Fischers Frau lachte mit zahnlosem Mund. So machten sich die beiden Hand in Hand auf den Weg in die Stadt. Der Dentist machte Plastilinabdrücke, maß und rechnete, grübelte und kratzte sich am Kopf, ging an seinen Computer und machte einen 3-D-Scan von den Abdrücken und ließ eine Synthese sich errechnen; ging an den 3-D-Drucker und ließ sich eine Form ausdrucken und machte sich dann an die Arbeit. Zuvor sagte er aber dem Fischerspaar: «Das wird nun einen halben Tag dauern. Kommt am Abend wieder.» So entließ er die beiden in die Stadt; sie zogen zu einem Bummel von dannen.

Auf dem Marktplatz war viel los. Das gefiel den beiden. Mal Händchen haltend, mal Arm in Arm, mal jeder für sich sahen sie sich die Stände mit den Waren an, blieben hier und da länger stehen, achteten immer darauf einander nicht zu verlieren. So kamen sie zu einer Gruppe von Musikanten, Gauklern und Jongleuren. Sie hatten gerade pausiert, aber als sie das alte, freundliche Paar interessiert stehen bleiben sahen, formierten sie sich schnell und begannen zu spielen. Die beiden waren ganz fasziniert und begeistert, klatschten Beifall und riefen bravo! Und da flüsterte die Fischersfrau ihrem Mann ins Ohr: «Wir sollten den Artisten etwas geben, auch wenn wir nicht so viel haben - sie sollen das alles nicht umsonst für uns getan haben!» Der Mann sah seine Frau freundlich und verständnisvoll an, nickte und kramte in seiner Tasche, holte Münzen heraus und zeigte sie in der flachen Hand seiner Frau. Sie nahm alles und warf sie in den Hut vor der Künstlertruppe. Sie bedankten sich und spielten noch einmal fröhlich und lebhaft auf. «Das war unser ganzes Geld, was nach dem Dentisten übrig blieb», seufzte der Fischer, es klang aber nicht vorwurfsvoll. Seine Frau erwiderte: «Das macht nichts. Wir haben noch genug zu essen zuhause und dort werden wir unsere Zähne ausprobieren. Das ist mir sowieso lieber.» Der Fischer nickte zustimmend. Fröhlich waren sie und ihre Herzen lachten jubelten angesichts der schönen lebhaften Musik.

Sie bemerkten den älteren dunkelhäutigen Mann mit dem stattlichen Bauch nicht, der hinter ihnen stand und Zeuge des kurzen Gesprächs zwischen den Fischersleuten geworden war und freundlich lächelte, wobei sich zwei Reihen Goldzähne in seinem Mund offenbarten. Er trat von hinten ganz dicht an das Ehepaar heran und entwendete mit äußerstem geschick dem Fischer das Portemonnaie, noch ehe der Fischer überhaupt irgend etwas bemerken konnte, steckte er etwas hinein und platzierte es wieder in des Fischers Gesäßtasche zurück. Dann sprach er das Ehepaar an: «Sie haben anscheinend großen Gefallen an meiner Musikantentruppe. Das freut mich sehr. Gerne möchte ich Sie zu unserem Camp am Rande der Stadt einladen. Wir essen und trinken gemeinsam und Sie können noch mehr von unserer Musikkultur genießen.» Seine Augen funkelten und er lächelte freundlich.

So schlugen der Fischer und seine Frau die Einladung nicht aus, schlossen sich der munteren Truppe an und gingen mit ihnen in ihr Camp. Einige Dutzend Wohnwagen und Wohnmobile standen da; Kinder spielten und tollten umher, einige Hunde lagen gemächlich vor den Eingängen; einige Jugendliche standen oder saßen herum, während sie mit ihren Smartphones spielten und einander interessante und lustige Dinge auf ihren Displays zeigten. Als sie die Gruppe auf den Campingplatz kommen sahen, grüßten sie freundlich und respektvoll und beachteten das ältere Ehepaar kaum. Neben einem Wohnmobil etwa auf der Höhe des Eingangs war eine große Feuerschale aufgestellt und darin Holz feuerfertig aufgeschichtet. Ein Hund sprang schwanzwedelnd fröhlich und munter den Ankömmlingen entgegen; erst zu dem Mann, dann zum fremden Besuch. Der Fischer kraulte ihn und erwiderte die freundliche Begrüßung des Hundes. «Das ist Heinz, unser Altdeutscher Schäferhund», erklärte der freundliche Mann mit den Goldzähnen. «Er jagt vielen furchtbare Angt sein, es freut mich, dass du ihn so freundlich gekrault hast». «Die Freundlichkeit ging von ihm aus, die gab ich ihm gerne wieder», antwortete der Fischer. «Ja, so ist mein Mann. Er versteht sich mit vielen Tieren, am besten aber tatsächlich mit Hunden», erzählte die Fischersfrau. Sie unterbrach sich, weil ihr Blick auf eine stattliche Frau fiel, die in diesem Moment aus dem Wohnmobil kam. Die Fischersfrau konnte nicht verhehlen, dass die bunten Stoffe, die die Frau trug ihr den Atem verschlugen. «Was für ein schönes Kleid!», rief sie aus. «Ich bin Merjama», stellte sich die Frau vor. «Und Marian, der aus Lust und Laune die Musiktruppen in die Stadt begleitet, ist mein Mann! Los, mein strahlender Held! Zünde endlich das Feuer an! Und hol deine Geige! Ich habe schon alles vorbereitet. Du spielst, ich koche, dann können wir bald essen und das Kochen ist ganz kurzweilig!»

Manch einer würde an dieser Stelle sicher denken: «Ach! Typisch! Die Frau muss kochen, während der Mann seiner kunst frönen darf und einfach vor sich hin fiedelt!» Doch Merjama würde dem widersprechen: «Ich mag das Gedudel aus dem Radio nicht, es ist für mich akustischer Hirnkleister! Lieber höre ich Marian zu, wenn er seine Fiedel zum Lachen, Weinen, Heulen, Jaulen bringt. Das zu können, ist alles andere als einfach. Alles hat seine eigene Tiefe und Kunst, wenn man es nur sachgemäß betrachtet. Marians Musik rührt mich zutiefst. Und ich setze alles in Geschmack um, in Würze und Duftnoten.» «Ja, die Suppe wird ein Gedicht», ergänzte der Mann mit den Goldzähnen: «Und es wird wundervolles weiches Fladenbrot dazu geben! Ihr könnt alles in die Suppe tunken und ganz ohne Gebiss genießen.» Merjama nickte: «Aber nur, wenn du spielst, mein Lieber! Nur wenn du spielst!» Und sie strich ihrem Mann zärtlich über die Wangen. Das Essen wurde ein sagenhaftes Gedicht, die Fischersleute hatten nie zuvor so etwas Köstliches gegessen. Und es stellte sich im Laufe des Tages heraus, dass Merjama nicht nur köstlich kochen, sondern auch magisch schön singen und Kastanietten und Glöckchen spielen konnte; die Zeit verflog, die alten Eheleute hatten so viel Freude wie nie zuvor in ihrem Leben und sie vergaßen völlig, das bestellte Gebiss rechtzeitig vom Dentallabor abzuholen. «Ach das Labor und das Gebiss laufen euch schon nicht weg», sagten ihre neuen Freunde lachend. So wurde es spät Nacht.

«Ihr seid unser Gast, ihr könnt bei uns im Wohnmobil schlafen. Wir haben Platz, Matratzen, Kissen, Decken - alles, was euer Herz begehrt! Und morgen trinken wir Kaffee und frühstücken zusammen. Ich habe Butter und Lindenblütenhonig. Euch soll es an nichts fehlen!» «Ihr seid tolle Freunde! Wir danken euch sehr! Uns hat es zwar bisher schon an nichts gefehlt! Wir waren immer sehr glücklich. Aber nun seid ihr das Sahnehäubchen unseres Lebens geworden!» So sprachen der Fischer und seine Frau. Am nächsten Morgen frühstückten sie wie versprochen, unterhielten sich bis in den Mittag und dann machten sich der Fischer und seine Frau auf den Weg zum Dentallabor. Ihre Bestellung war fertig und wurde ihnen in einer Schutzschachtel übergeben. Überglücklich ging es nun nach Hause. Als sie aber ankamen, machte der Fischer in seiner Tasche eine Entdeckung, die ihn schreckensbleich werden ließ, als habe ihn der Schlag getroffen. Sorgenvoll fragte seine Frau, was mit ihm los sei und brachte ihm schnell ein Glas Wasser.

Er trank und sprach mit ganz trockenem Mund, als habe ihm seine Frau Sand im Trinkglas kredenzt: «Ich glaube, ich habe diese Krankheit, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Diese Krankheit, in der zwei ganz unterschiedliche Seelen einen Körper bewohnen und die eine von der anderen nichts weiß, aber vor den Ergebnissen der Handlungen steht und es nicht fassen kann!» «Was redest du da? Ich verstehe kein Wort!», erwiderte seine Frau, so dass er nicht umhin konnte ganz konkret zu werden: «Schau!» Er hielt einen schlichten und sehr schönen Ring in seiner, die er seiner Frau zeigte. Die Schönheit des Rings bezauberte und rührte sie sehr: «Oh! Wie schön!», rief sie fasziniert. Wann hatte ihr Mann nur diesen Ring für sie besorgt? Und von welchem Geld? Hatte er womöglich beim Fischen eine Schatztruhe gefunden und wollte sie nun damit überraschen? Sie nahm den Ring und steckte ihn sich an den Finger. Der Fischer aber schüttelte unglücklich den Kopf. «Meine Liebste, so gerne ich dir diesen Ring schenken würde, aber ich weiß nicht, wie ich an ihn gekommen bin. Ich habe ihn soeben in meinem Portmonnaie gefunden und weiß nicht, wie er dahin gelangt ist.» «Ach, jetzt verstehe ich, was du meintest», antwortete die Frau und zog lächelnd den Ring von ihrem Finger. «Mein Lieber, du weißt, dass unsere Liebe dieses Ringes nicht bedarf! Und ich weiß, dass du niemals zum Dieb würdest, um mich glücklich zu machen! Denn mein Glück bist du! Und kein Schmuck der Welt! Meinst du, du hast diesen Ring unseren Freunden gestohlen und weißt das gar nicht mehr, weil du nicht du warst, sondern ein anderer?» Mit Tränen in den Augen nickte der Mann gesenkten Hauptes. «Ich mache einen Vorschlag: wir bringen den Ring unseren Freunden wieder zurück und erzählen ihnen, alles haargenau, wie es war! Ich bin mir sicher, sie werden uns verstehen! Wir brauchen doch diesen Ring nicht, mein lieber Mann! Aber jetzt koche ich uns erst einmal was, wir essen und stärken uns mit unserem Gebiss, probieren es aus und machen uns morgen auf den Weg in die Stadt zu unseren Freunden.»

Und so taten sie es. Der Fischer hatte eine schlaflose Nacht, saß am Strand und lauschte den Wellen des Meeres und sinnierte und wartete gespannt, ob er wieder das Bewusstsein wechseln und ein anderer werden würde; er wollte auf gar keinen Fall den Augenblick verpassen. Aber nichts geschah und der Morgen graute. Die Morgenröte ergriff ihn und beruhigte sein Herz. Wie schön die Welt und das Leben waren! Ein fröhliches Entzücken überkam ihn. Er hatte eine wundervolle Lebensgefährtin, nun auch wunderbare Freunde. Er fühlte sich sicher und geborgen in der Welt.

Sie frühstückten nach Sonnenaufgang gemeinsam. Eine Schale mit Wasser stand in der Mitte ihres Tischchens und bevor das Gebiss den Mund wechselte, wurde es kurz in dieser Schale gespült. Sie hatten Freude daran, über den Tisch einander kleine Häppchen in den Mund zu schieben, kicherten wie Kinder und witzelten. Sie erfreuten sich daran, wenn der andere glücklich kaute. Und nach dem Frühstück machten sie sich Hand in Hand auf den Weg in die Stadt. Der Fischer hatte nachdenklich den Ring in sein Portmonnaie geschoben, als könnte ihm dabei doch noch einfallen, wie er an den Ring gekommen war. Seine Frau beachtete den Ring gar nicht. Ihr Mann war kein Dieb und bald würde sich alles aufgeklärt haben, oder zumindest doch erledigt, denn schließlich gaben sie den Ring ja seinem Eigentümer zurück.

Als die Fischersleute endlich die Stadt nach einer frohgemuten Wanderung erreichten; mit jedem Schritt, den sie der Stadt näher kamen, wuchs der Frohsinn des betrübten Fischers und seine Schritte wurden beschwingter; als sie endlich die Stadt erreichten, stand ein bucklicht Männlein am Wegrand und grüßte das alte Ehepaar. Die Frau wollte stehen bleiben und ein kleines Schwätzchen mit dem bucklicht Männlein halten, ihr Mann aber zog sie mit sich fort. Als sie sich noch einmal nach dem bucklicht Männlein umdrehte, war er verschwunden. Der Fischer schlug zielsicher den Weg Richtung Campingplatz ein.

Dort aber erlebten sie eine Überraschung. Die weitläufige Wiese war ganz leer. Kein Wohnwagen, kein Wohnmobil, fast keine Menschenseele weit und breit. Nur in einiger Entfernung ein Mann mit einem weißen großen Hund, der mit der Gelassenheit eines Schäfers in die Gegend schaute und seinen Hund frei auf der Wiese schnüffeln und schuppern ließ. Der Hund hatte das Ehepaar längst bemerkt und betrachtete sie aus der Ferne neugierig mit hoch in den Himmel aufgerichteten gebogenen Schwanz und spitzen Ohren. Der Fischer war fassungslos. Damit hatte er nicht gerechnet, dass er den Campingplatz leer und verlassen wiederfinden würde. Ob er sich am Ort vertan hatte und es doch womöglich zwei Campingplätze gab? Etwas hilflos sah er seine Frau an. War das nun ein Anzeichen seiner befürchteten Krankheit? Sie aber erwiderte seinen ratlosen Blick. Und der Hund setzte sich gemütlich in Gang, um sich ihnen anzunähern. Auch der Mann hatte sie bemerkt und versuchte aus der Ferne einzuschätzen, ob sie Angst vor seinem großen kräftigen Hund haben würden, wie es leider nicht selten vorkam. Der Hund kam auf die Fischersleute zu ganz ohne Eile und etwa zehn Schritte vor ihnen stehen bleibend, zur Seite blickend und sich etwas abwendend, was so viel bedeutete wie, ich komme in Frieden. Als der Fischer ihn ansprach, begann er mit dem Schwanz zu wedeln. «Ja, komm mal zu mir, du Großer!» Das ließ sich der Große nicht zweimal sagen und drehte sich die Beine des Fischers anschmiegend zur Seite und gab sich äußerst zutraulich. Da näherte sich auch schon sein Herrchen lächelnd: «Hallo. Das ist Diego Li. Er erkennt, wer ihn mag und von anderen hält er sich eher fern.» Der Fischer kraulte Diego Li, der nun auch an die Beine der Frau strich und sie begrüßte. Auch sie war ihm sehr zugewandt. «Meine Güte! Was für ein freundlicher Großer du bist!», sagte sie von der Freundlichkeit und Zutraulichkeit des Hundes gerührt. Da aber wurde die Aufmerksamkeit des Hundes abgelenkt, er richtete seine Nacken und Rückenhaare zu einer Bürste auf und den Schwanz spitzte er wie einen Speer nach hinten; ließ auch ein leises Knurren vernehmen. Sie schauten alle in die Richtung, in die auch der Hund aufmerksam und etwas drohend schaute. Da kam ihnen das kleine bucklicht Männlein näher. Diego Li aber ging ihm entgegen, um sich zwischen ihn und die kleine Gruppe zu stellen. Und nun bellte er kräftig. Sein herrchen ging zu ihm, stellte sich mit seinem Schenkel ihn berührend neben ihn und legte seine Hand zart um seinen Körper, nicht um ihn zurückzuhalten, sondern ihm zu signalisieren: ich bin bei dir, mein Freund! Das bucklicht Männlein blieb in gebührendem Abstand stehen, tat aber unbeeindruckt, nickte und sprach: «Da also muss sich nun der Poet höchst persönlich einbringen mit Hund und Weisheit.» Die Eheleute verstanden nicht so recht, was das Männlein meinte. Aber die Frau nutzte die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen: «Nun treffen wir Sie zum zweiten Mal. Guten Tag! Wir wollten hier die Leute besuchen, die gestern noch hier kampierten.» «Ich habe hier niemanden gesehen», sagte das buklicht Männlein kurz und knapp, wünschte noch einen guten Tag und setzte seinen Weg fort, indem er einen etwas verächtlichen Blick auf Diego Li warf, der seine Angst vor ihm kaschieren sollte. Das Ehepaar sah sich ratlos an. «Niemanden gesehen», wiederholte der alte Fischer traurig. «Wir gehen hier fast jeden Tag spazieren», sagte der Mann mit dem Hund. «Hier kampierte schon seit fast zwei Wochen niemand.» Er sah, dass diese Aussage das ältere Paar verunsicherte, was ihm Leid tat, aber etwas Seltsames lag heute in der Luft über dem Campingplatz. Denn Diego Li schnupperte und schnüffelte, als habe er heute hier eine ganze Horde von Hunden, Schafen, Kaninchen und Rehen zu beschnuppern. Er war auch schon wild herum gerannt und hatte getobt. Der Mann hatte das als eine plötzliche Spiellaune gedeutet, in die er manchmal kam, wenn er sich sehr wohl fühlte. Das erzählte er den beiden, wissend, dass er sie damit nicht wirklich beruhigen und informieren konnte.

Da entschloss sich der Fischer plötzlich, dem freundlichen Hundepoeten den Ring zu zeigen. «Schauen Sie nur! Vorgestern trafen wir in der Stadt Straßenmusiker. Wir fanden sie ganz wundervoll und ihr Chef, der unter den Zuschauern weilte, sprach uns an und nahm uns mit in ihren Camp hierher. Wir aßen und tranken und saßen am Feuer und haben auch bei unseren neuen Freunden übernachtet, wir haben mit ihnen gefrühstückt und haben uns auf den heimweg gemacht. Und was finde ich zuhause in meiner Geldbörse?» Der Poet betrachtete zwischen Zeigefinger und Daumen den Ring drehend den Ring. «Was für ein schöner Ring! Sie fanden diesen Ring in ihrem Portmonnaie!» Jetzt mischte sich seine Frau ein: «Ja, und er glaubt, dass er es unwissentlich den Freunden gestohlen hat und dass er langsam auf seine alten Tage verrückt wird, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere tut!» Der große weiße Hund mit den hellblauen Augen hatte die ganze Zeit neben seinem Herrchen gesessen, zu ihm emporgeschaut und ganz aufmerksam zugehört. Als er sah, wie dieser den Ring seinem Besitzer zurückgab, stupste er sein Herrchen sanft mit der Nase an. «Ein wunderschöner Ring, wirklich!», wiederholte der Hundepoet verzückt. Und während er automatisch in seine Tasche griff, um seinem vierbeinigen Seelenfreund ein paar Leckerchen zu geben, denn ihm war das Stupsen nicht entgangen, fügte er noch etwas ganz Erstaunliches hinzu: «Ich würde diesen Ring ihrer Frau anstecken an Ihrer Stelle und mir gar keine Sorgen um meinen Verstand machen. In der Stadt trafen auch wir die Straßenmusikanten und hörten ihnen eine ganze Weile zu. Aber hier auf der Wiese war seit gut zwei Wochen kein Campingwagen mehr.» Da hob Diego Li seine Pfote und stupste seinen Papa kräftig fordernd an, worauf dieser wieder einpaar Leckerchen aus der Tasche holte. «Aber ich muss auch hinzufügen», sprach der Poet weiter, «ich muss auch hinzufügen, dass Diego Li heute hier umher geschnuppert hat, als wäre hier ein Volksfest gewesen. Das fand ich schon sehr seltsam!» Der alte Fischer nahm den Ring ratlos zurück. «Aber das ist doch Diebstahl!», murmelte er. Und seine Frau sagte: «Wir brauchen zu unserem Glück miteinander keinen Ring!» Der Poet lächelte gerührt. «Sie haben niemanden, dem Sie den Ring zurückgeben könnten, stimmt's? Also bleibt ihnen nichts anderes übrig als ihn sicher zu verwahren. Und wo wäre der Ring sicherer als am Finger Ihrer Frau? Sie verlieren ihn womöglich aus Ihrem Portmonnaie - ja und dann? Halten Sie Ihre Freunde und deren Ring in Ehren und geben ihr zurück, wenn Sie sie wiedersehen.» So steckte der alte Fischer den Ring an den Finger seiner Frau - und es war ihm feierlich zumute. Sie verabschiedeten sich von Diego Li und dem namenlosen Poeten und gingen in die Stadt in der Hoffnung, die Musikantentruppe noch einmal zu treffen. So verbrachten sie einen weiteren Tag in der Stadt, trafen aber keine Straßenmusikanten. Die Frau fragte noch einige Passanten nach dem Weg zum Campingplatz in der Hoffnung, sie würden ihr einen Weg zu einem anderen Campingplatz zeigen. Aber das war vergeblich. So trug die Frau den Ring am Finger und hielt ihn in Ehren und in ihrem Mann verblasste die sorgenvolle Idee, er könnte seelisch krank geworden sein. Er vergaß zwar so manches, aber nie hatte er das Gefühl, nicht er selbst zu sein. Wenn sie nicht gestorben sind, so leben der Fischer und seine Frau mit dem Ring am Finger noch heute und teilen sich beim Essen ihr Gebiss. Das bucklichte Männlein aber begegnete dem Poeten auf seinem Heimweg, Diego Li erkannte es und bellte es nicht an und das Männlein sagte dem Poeten: «Ist es nicht seltsam, was die beiden erlebt haben? Solltest du nicht besser einen zweiten Teil erzählen und das Seltsame zu ergründen suchen, auch wenn niemand es letztlich ergründen kann?»
 
 
Uri Bülbül
freier Literat und Philosoph
• c/o KulturAkademie-Ruhr • Girardetstraße 8 • 45131 Essen