Uri Bülbül

DIE LEMMINGE DES PROMETHEUS
IM VERRÜCKTEN LABYRINTH ZU BABEL

Ein Albtraum?

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Wenn ein wesenloses Wesen, ein Monster, vielleicht ein unwesentliches Wesen, nennen wir es Lemming, plötzlich irgendwo herumzuirren beginnt, und von sich glaubt, es träume nur, obwohl es sich auch darin irrt und uns erzählt, es habe einen Traum, in dem es an einem Computer sitze und über Probleme grüble, deren Lösung fast schon auf der Hand zu liegen scheint,- könnte dies nicht ein Hinweis auf eine Endlosschleife des Irrsinns sein? Oder: auf den Beginn des Philosophierens?

René Descartes sagt: «Mir ist, als wäre ich unversehens in einen tiefen Strudel geraten und würde so herumgewirbelt, daß ich auf dem Grund nicht Fuß fassen, aber auch nicht zur Oberfläche emporschwimmen kann.»

Lemming könnte uns sein Leid klagen, könnte sich unter Zeit- oder gar Leistungsdruck wähnen, er könnte sich verfolgt vorkommen, denn so ganz ohne Paranoia geht es nicht.

«Systemfehler in Ihrem Denken! Fortsetzung der Arbeit unmöglich!»

Wir können Lemming nicht aufmuntern. Wir müssen ihn sogar auf eine cartesische Kleinigkeit aufmerksam machen; auf den temporalen Aspekt seines Satzes: «Ich irre, also bin ich», der eigentlich lauten muß: «solange ich denke, bin ich».

Das würde Lemming sehr erschrecken; denn er dürfte nicht aufhören, zu irren, wenn er seine Existenz nicht verlieren wollte.

Wie aber kann dieses Möchtegern-Perpetuum-Mobile des Irrsinns seine Existenz fortschreiben, wenn es sich träumend wähnt und zu erwachen begehrt? Er sucht den Ausgang und ahnt nicht, daß... Unverdrossen wird er zu ergründen suchen, was ihn in die Tiefe zog. Das Eigentliche bleibt unsagbar, und der Funke der Erkenntnis springt im Vakuum jenseits der Begriffe über.

Vielleicht ist Lemmings Philosophie eine innen bespiegelte Brille. Doch ist andererseits die Frage, was im großen Taumel überhaupt als Anhaltspunkt dienen kann! Was hat Lemming außer sich selbst, als er zu irren beginnt? Und was hat er an Wissen und Gewißheit über sich selbst? Vielleicht macht es ihn ja bange, wenn wir ihn an den großen Selbstsucher erinnern, an den legendären Ödipus.

Wer kann sich schon selbst aushalten, wenn die Ebbe der Selbstlüge beginnt? Descartes hatte es dagegen leicht. Er konnte Ich sagen, einfach nur Ich. Und dieses Ich konnte den archimedischen Punkt allen Wahrheitens abgeben, konnte getäuscht werden, so viel es wollte. Es blieb sich selbst immer gewiß. So ein Ich wie Descartes müßte man wieder sagen können! Ich sagen und etwas anderes meinen! Eine Kopfgeburt ohne ein wahres Ich. Eines, das es nun wirklich nicht nötig hat, sich selbst zu erkennen. Das wäre ein schönes philosophisches Cogito. Ein cogito incognito. Eines, das nicht in den Abgrund gestürzt wäre, sondern am Kamin säße - vielleicht bei einem Gläschen Rotwein. Statt eines solchen Ichs haben wir einen Lemming. Mit ihm wird nun womöglich das denkende Subjekt subjektiv.

Erkenne dich selbst!