Uri Bülbül • KulturAkademie-Ruhr/Katakomben-Theater im Girardet Haus • 45131 Essen

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Tragödie ohne Worte

Helsingör, ein Teich in der Nähe des Schlosses, ein Geist schwebt über den Wassern, ein Grübler, ein Zweifler, einer, der es nicht lassen kann, der nicht glauben kann, der den Sonnenbarsch verhört, die Stichlinge, die Wolken, die über die Wasser ziehen, einer, der anklagen will, der mit Ingrimm die Hochzeit verfolgt und in Liebe Verrat wittert, ein Schweiger, der die Maskerade liebt und im Theater Wahrheit sucht, einer, der überdenken will, aber an seinem Rest klebt, einer, dessen Rechnung nicht aufging, einer, der die Treue sucht und um die Mückenlarven streicht, die Weiden anblinzelt und das Spinnennetz anlächelt, während er im Wind eine Stimme sucht, das letzte Lied der Geliebten und ihre Worte in seinem Ohr: »umso mehr wurde ich betrogen«, ein Horcher, ein Liederjan, der das fröhliche Liedchen nicht pfiff, als das Schilf sich bog, der die Stimme nicht erhob, als die Nymphea Alba verblühte, einer, dem das Gras zu laut wächst, der Fische für geschwätzig hält und Frösche für Herolde, einer, der die letzten Schwalben ziehen sieht und keine Hände zum Winken hat, weil Blut an ihnen klebt von gepfückten Blumen unbedacht, ein Geist, der zum Orion will und beenden die sinnlose Jagd, einer, der untergehen will, abstürzen, der das Wasser über sich schlagen sehen will, brodeln und rauschen, einer, den der Teich nicht will, einer, der schweigend schweben und schwebend schweigen muss.