Uri Bülbül

Der Auftrag

Aus der Geschichte des Niklas Hardenberg
1. Teil: Der Besuch
Nichts ahnend ging ich meiner Schreiberei nach. Hier ein Einfall, da eine Idee, hier wieder eine Korrektur, da eine Streichung. Auf meiner klapprigen Monica kam ich nicht schnell voran. Und das im Zeitalter des elektrifizierten Wortes, der virtuellen Gedanken: kaum sind sie gedacht, schon sind sie erloschen. Manche wähnen sich einen Mausklick weit vom Stein der Weisen entfernt. So nicht ich! Sie werden es nicht gerne hören, aber mir ist die Wahrheit scheißegal. Um im platonischen Sonnengleichnis zu sprechen:… 
Sie verstehen doch etwas vom platonischen Idealismus, oder? Nennen wir es ruhig beim Namen: Ich meine natürlich seinen Realismus! Seinen Begriffsrealismus, meine ich. Alles klar? Gut! 
Um also im platonischen Sonnengleichnis zu bleiben: Ich bin jemand mit Sonnenallergie. Eine lichtscheue Gestalt, würde Katja sagen. Aber was schert mich das? 
An jenem Tag ging ich meiner Schreiberei nach. Was sollte das nur werden? Ein Roman? Eine Novelle? Ein Essay? Im Kopf die Stimme des Lektors: »Sie sind zu reflektiert, Herr Hardenberg. Zu reflektiert. Zu viele Gedanken, zu wenig Leben in Ihrem Manuskript!« Das mußte mein Kopf sein, der schmerzte. Da klingelte das Telefon. Erst wollte ich gar nicht abnehmen. Aber das Geräusch quälte mich. Eine beschissene Verbindung. Ein Handyheini zweifellos. Ich mag keine Handyheinis. Ich habe ihnen nichts zu sagen, noch weniger aber sie mir! 
Dieser Handyheini aber ließ sich nicht abwimmeln. Er hätte in dem Tunnel ersticken sollen, der ihm das Netz verwehrte. 


Er aber erstickte nicht, nein. Er hatte obendrein noch einen Begleiter. Zwei Bullentypen erschienen kurze Zeit nach dem Telefonat an meiner Tür. Warum hatten sie überhaupt zuvor angerufen? Wollten sie mich nervös machen? Verunsichern? Jedenfalls behaupteten sie, sie hätten einen Auftrag für mich. Ich bin kein Mann, dem man Aufträge erteilt. Kein Mensch wäre jemals auf die Idee gekommen, mir irgend einen Auftrag zu erteilen! Vielleicht bin ich in meinem tiefsten Innern ein Anarchist oder so etwas! Keine Ahnung! Man kann sich nicht auf mich verlassen, weil ich selbst nicht weiß, was ich im nächsten Augenblick tun werde. Aber da waren nun einmal ein paar Typen auf die Idee gekommen, mir etwas aufzuhalsen, und ich mußte schauen, daß ich meinen Kopf aus der Schlinge bekam. 


Erst einmal ignorierte ich den Anruf, so gut es ging und versuchte mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Aber da waren sie plötzlich wieder die Erinyen des Selbstzweifels. War das wirklich Arbeit zu nennen, was ich hier tat? Der Nutzen dieser Tätigkeit stand mehr als in Zweifel. Katja hatte es nie als ernstzunehmende Arbeit angesehen. Mehr als ein Hobby konnte das Schreiben in ihren Augen nie sein. Ein Ingenieur leistete etwas Nützliches oder ein Arzt, aber doch keiner, der sich Schriftsteller nannte. Katja bezeichnete mich als einen Tagedieb. Ich betrachtete meine letzten Sätze auf dem Papier. Das Farbband der Schreibmaschine mußte ausgewechselt werden. Die Buchstaben waren brüchig und blass. Und das sollte ein Roman sein? Seit drei Seiten sinnierte der Kerl vor sich hin, ob Freiheit nicht durch Selbstmord am besten bewiesen werden könne und der Selbstmord nicht in jedem Fall einer Abhängigkeit im Leben oder gar vom Leben vorzuziehen sei. Ich riß das Papier wütend aus der Maschine. 


Nützlich soll es sein: realistisch, pragmatisch oder unterhaltsam. Eine schöne runde Geschichte mit einem versöhnlichen Ende und zuvor einem fesselnden Spannungsbogen. Kurzweilig. »Sie sind zu reflektiert, Herr Hardenberg. Zu reflektiert. Zu viele Gedanken, zu wenig Leben!« So, so! Zu wenig Leben! Da wäre die Angst vor einer abtrakten Macht. Vielleicht vor der Macht schlechthin. »Kafkaesk, Herr Hardenberg, wirkt in Ihrem Fall epigonenhaft!« Andere würden sich um solche Gespräche mit einem Lektor eines wichtigen Verlagshauses reißen, bekommen sie doch in der Regel einfach nur eine Standardabsage. Das wäre in meinem Fall eigentlich auch so gewesen, wenn Katja nicht mit dem Verleger geschlafen hätte. Deshalb mußte sich sein schlechtbezahlter Lektor mit mir herumschlagen. Und ich genoß es. »Ihre Figuren sind, wie soll ich nur sagen? …sie sind irgendwie nicht von dieser Welt.« Ich wollte ihn mißverstehen, und er schwitzte. Ich empörte mich: »Warum bin ich nicht von dieser Welt? Muß ich gesellschaftskritischen Kitsch schreiben, damit Sie mich verlegen? Muß ich darüber sülzen, wie Männer mit der Emanzipation ihrer Frauen fertig werden und sich im Haushalt bewehren? Muß ich über Windeln schreiben und über Kindertagesstätten oder lieber über Fremdenhaß?« Er machte eine hilflos beschwichtigende Geste, aber ich packte mein Manuskript zusammen. Den Rest sollte er seinem Chef erklären. 


Ich hatte diese Begegnung noch immer im Kopf und Katjas Vorwürfe, daß ich es mal wieder vermasselt hätte. Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, etwas vermasselt zu haben, nicht den Eindruck, daß der Lektor meinen Roman veröffentlichen wollte. Wenn mich eine Schuld traf, dann die, einen zu reflektierten Roman geschrieben zu haben, hart an der Grenze zu einem Essay. Auch dazu mußte ich mir einiges anhören: War ich denn nicht immer ein Vertreter des L'art pour l'art gewesen? Warum schrieb ich nun selbst solch einen botschaftsträchtigen Roman voller negativer Ideologie? »Du erhebst deinen Versagerpessimismus zur Weltanschauung!« Ich versuchte Katja daran zu erinnern, daß wir eigentlich schon geschiedene Leute waren, zumindest de facto, wenn auch nicht de jure. Aber es ließ sich ja noch alles nachholen. Schließlich hatten wir ja auch vor der Eheschließung schon miteinander verkehrt. 
Ich dachte an all diese schrecklichen Dinge, als es an der Haustür klingelte. 


Nun galt es, einfach zu verschwinden, aber es ging nicht. Bei mir gab es keine Feuerleiter wie in Filmen. Außerdem habe ich Höhenangst. Nicht, wenn ich mich in meiner Wohnung aufhalte, doch schon auf den Balkon gehe ich nicht ohne einen Anflug von Angstschweiß. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die Tür zu öffnen. Da standen zwei Männer vor mir. 
Der eine mimte den guten und der andere den bösen Bullen. Letzterer zeigte auch keinerlei Scheu, handgreiflich zu werden. Ein Schlag in die Magengrube und zehntausend Mark galten den Herren als schlagkräftige Argumente. In welcher Sache sie ermittelten und welche Rolle ich dabei spielte oder noch zu spielen hatte, wurde mir, ehrlich gesagt, nicht klar. Bekam ich zehntausend Mark für nada? 
Das war natürlich gänzlich unmöglich. Schließlich waren die Herren ja nicht von der Künstler Sozial Kasse. Und selbst die will immer nur Geld. Ich mußte ihnen irgend etwas verkaufen, wußte aber nicht, was. Wahrscheinlich meine Seele, aber die war doch keine Zehntausend wert. 
Die Jungs leisteten ganze Überzeugungsarbeit und das recht schnell. Weiß nicht, ob Galilei mehr Widerstandskraft besaß angesichts der Folterinstrumente der Inquisition. Ich jedenfalls wollte nicht in einem Hochsicherheitstrakt verschwinden, um nach einigen Wochen offiziell Selbstmord begangen zu haben. »Was geht mich die Gravitation an?« dachte ich. »Ist mir doch egal, ob die Erde sich dreht oder nicht, rund ist oder eckig oder flach wie ein Spiegel! Ich konnte es so machen wie Galilei oder enden wie Giordano Bruno! Ich hatte Schmerzen und bekam kaum Luft. Also war ich bereit zu kooperieren, zumal die Kerle nichts Konkretes von mir wollten. Wenn es anders würde, könnte ich ja immer noch versuchen zu fliehen. Erst einmal galt es einzuwilligen.
Schreibmaschinengeräusche. Jemand tippt zerhackt und langsam auf einer mechanischen Schreibmaschine. Ab und zu Papierrascheln. Ein Mann murmelt irgendwelche unverständlichen Worte. Es ist zu hören, wie er sich eine Zigarette anzündet. Dann setzt die Schreibmaschine zerhackt wieder ein.
Das Telefon klingelt, ohne daß die Schreibmaschine aussetzt. Es klingelt ziemlich lange. Endlich wird abgenommen. Niklas (brummig): Ja.
Man hört, daß er seine Zigarette im Mundwinkel hat. Er pafft. Die Telefonverbindung ist äußerst schlecht. Eine Stimme aus der Ferne.
Stimme: Hallo! Hallo!
Rauschen. Niklas noch immer brummig. Kein Bißchen neugierig geworden:
Wer da? Die Verbindung ist beschissen. Ich verstehe nichts!
Stimme: Herr Niklas Herdenberg? Spreche ich mit… (Rauschen)
Niklas: Leck mich!
Legt auf. Die Schreibmaschine setzt wieder ein. Kurze Zeit später beginnt das Telefon wieder zu klingeln. Wieder reagiert Niklas nicht sofort.
Ach Scheiße! Ja?
Wieder Rauschen.
Niklas: Hören Sie!? Die Leitung ist total beschissen. Rufen Sie einfach nicht mehr an!
Stimme: Sind Sie der Schriftsteller und Journalist Niklas Hardenberg?
Niklas: Wer will das wissen?
Stimme: Wir kommen Sie in einer Stunde besuchen.
Niklas: Was!
Rauschen.


Stimme: Wir haben einen Auftrag für Sie.
Niklas: Bläst den Zigarettenrauch laut aus. Was für einen Auftrag? Von wem? Ich will keinen Auftrag, bin kein Auftragschreiber. Sie sind bei mir an der falschen Adresse. Hören Sie?
Stimme: Wir werden mit Ihnen darüber sprechen. Das geht nicht am...
Rauschen.
Niklas: Interessiert mich nicht.
Er gießt sich ein Getränk ein, trinkt und rülpst.
Einen Auftrag! Daß ich nicht lache! Einen Auftrag für Niklas Hardenberg, den großen Publizisten und Schriftsteller, für den Mann, der schneller denken kann als sein Schatten. Für jemanden, der gerade seinen epochalen Roman beendet hat: Platon in Ödipus´ Augenhöhlen! Er wird auf dem Flohmarkt mit Spannung erwartet. Weiter im Text.
Die  Schreibmaschine setzt wieder ein. Nach wenigen Anschlägen wird das Blatt aus der Walze gerissen und zerknüllt.
Scheiße! Wo ist denn das verfluchte Diktaphon!

Frank war Katjas größte Enttäuschung. Sie hatte an ihn geglaubt, an seine Liebe, die er immer wieder beteuert hatte, obwohl sie es nicht hören wollte. Was sollte das überhaupt? Schlief sie nicht mit ihm? Machte sie nicht alles, was er wollte? Sie tat es, und hätte es auch ohne Liebesgequatsche getan. Das hätte er wissen müssen. Er aber hörte nicht auf zu beteuern, wie sehr er sie liebte. Sie hatte sich geschworen, ihm kein Wort davon zu glauben, aber dann im Moment der Not, der Verzweiflung erhoffte sie sich doch Hilfe von ihm. Frank aber blieb ein verdammter Feigling.
Hardenberg führt sein Selbstgespräch fort:
So ist es, mein Lieber. Klar scheißt der sich in die Hose, wenn er auch nur den Namen Platon hört! Was würdest du denn an seiner Stelle tun? Du weißt, was die vorhaben. Du weißt, daß die dich fertig machen können.


Es klingelt an der Tür. Wer kann das sein? Ich erwarte... oh Scheiße! Die werden doch nicht wirklich…
Es klingelt erneut.
Ich bin nicht da. Ich bin in meiner Romanwelt. Ihr könnt mich mal! Wie kann Frank Katja helfen? Sie würden ihn fertig machen. Auf Nimmerwiedersehen verschollen. Die gehen über Leichen. Das weiß Frank. Wie kann er da… wie könnte ich… nie! Na ja, ich habe aber auch keine Frau wie Katja - nicht mehr. Eine Traumfrau. Unkompliziert, direkt, hingebungsvoll, erotisch einsame Spitze! Na ja, sie ist fiktiv. Soll ja keine Autobiographie werden, obwohl manch einer Bezüge sehen und herstellen wird. Läßt sich nicht vermeiden. Aber ich hatte dennoch nie eine Frau wie Katja, wie diese Katja, meine Katja. Was von alldem hat der Dichter wirklich erlebt? Sein oder Schein? Das ist hier die Frage.


Es klingelt immer heftiger. Dann donnert jemand mit der Faust gegen die Tür: Machen Sie auf! Wir wissen, daß Sie da sind! Niklas Hardenberg! Machen Sie auf! Wir wissen, daß Sie zu Hause sind!
Niklas: Bist du ein Bulle?
Stimme: Wenn Sie so wollen.
Niklas: Fenstersturz! Was habe ich denn ausgefressen? Was wollt ihr von mir? Gelte ich nun als ein Anarchist, Autonomer oder Terrorist?
Stimme: Herr Hardenberg, nun lassen Sie uns doch nicht so lange warten, bitte!
Schritte. Eine Tür wird geöffnet.
Niklas: Oho! Männer der grauen Norm ohne Uniform! Das riecht nach einem bösen Ende, nach Selbstmord riecht das. Frustrierter Schriftsteller stürzt sich aus dem 13. Stock! Oder nach Badewanne. Darf ich es mir aussuchen? Fenstersturz oder Badewanne? Wahrscheinlich nicht. (kleine Pause) Bevor Sie eintreten, meine Herren. Ihre Dienstausweise bitte!
Noch kurz vor meinem Tod bestehe ich noch auf meine Bürgerrechte. Das sollte in die Biographie, die nach dreißig Jahren geschrieben werden darf, nachdem der Geheimdienst die Akten freigibt. Aber kann man sich denn auf Akten und Dokumente verlassen? Wer wird sie schreiben? Wer wird sie nach dreißig Jahren interpretieren? Die Akten werden mich nicht lebendig machen.
2. Stimme: Lassen Sie uns endlich rein, Sie Affe!
1. Stimme: Hübsches Arbeitszimmer.
Niklas: Was wollen Sie von mir?
Schreit empört auf. Hey, lassen Sie die Finger von der Schreibmaschine!
1. Stimme: Entschuldigen Sie! Mein Kollege ist zu neugierig. Muß wohl Berufskrankheit sein. Aha, Sie haben einen Essay geschrieben? Einen Essay über Platons Höhlengleichnis?
Niklas: Zur Sache! Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie? Was sind Sie, wenn kein Bulle?
1. Stimme: Beamter. Sagen wir ruhig: Beamter. Geheimrat, könnte man uns nennen, wenn es so etwas noch gäbe.
Niklas: BND?
2. Stimme: Nicht so neugierig, Freundchen! Nicht so neugierig!
Niklas: Schau an! Auf der Polizeiakademie haben sie ihm auch das Sprechen beigebracht! "Affe" kann er sagen und "neugierig" kann er sagen. Und wie gut er das schon macht, ne, neee!
1. Stimme: Herr Hardenberg, bitte. Wir sind nicht in feindlicher Absicht hier. Ganz im Gegenteil: wir haben etwas, was Sie interessieren wird.
Niklas: Will nur meine Ruhe!


1. Stimme: Werden Sie haben, werden Sie gleich wieder haben - und eine Menge Geld dazu!
Niklas: Hauen Sie ab!
1. Stimme: 10. 000 DM als Anzahlung.
2. Stimme: Der ist keinen Pfifferling wert!
1. Stimme: Geben Sie Herrn Hardenberg bitte das Geld!
Niklas: Zehntausend? Wofür?
1. Stimme: Wir brauchen Ihre intellektuellen Fähigkeiten. Bleiben Sie, wie Sie sind, und machen Sie einfach weiter. Sie sind uns empfohlen worden.
Niklas: Quatsch!
1. Stimme: Nein, durchaus nicht. Nehmen Sie das Geld. Sie riskieren nichts.
Niklas: Wahrscheinlich nur meinen Arsch.
2. Stimme: Stimmt. Einen Kopf hat er sowieso nicht.
Niklas: Raus hier! Ich will Ihr Geld nicht!
Man hört einen  Schlag, Gepolter. Niklas schreit unter Schmerzen auf.
2. Stimme: Haben Sie das gesehen? Er wollte mich schlagen!
1. Stimme: Oh ja! Er hat uns bedroht und in der Ausübung unseres Dienstes behindert. Wir sollten ihn anzeigen.
Hardenberg stöhnt.
2. Stimme: Beamtenbeleidigung und versuchte Körperverletzung, schwerer Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Und schauen Sie sich seinen Schreibtisch an! Lauter Indizien für die Gründung einer terroristischen Vereinigung.
1. Stimme: Tja, Herr Niklas Hardenberg. Wie sagt man so schön? Das Spiel ist aus. Wir können auch anders.
Niklas: Warten Sie!
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